Lond-on-line 23.6.

Wer ist der Samariter? Ein paar Leute und ein Hund stehen
an der Holborn U-bahnstation, junge und alte, kurz- und langhaarige, also
querbeet die Gesellschaft, wer ist nun der Samariter oder die Samariterin?
Das Plakat in der U-bahn gibt die Antwort sofort selber: Alle!
Also auch der Junge im Halbschatten, der aussieht wie ein Rockmusiker. Und
die Dame, die wir eigentlich aus dem Film «Arsen und Spitzenhäubchen»
kennen. Sie alle sind Samariter, gewiss auch der Hund. Warum also nicht
mal anrufen?

Die Werbung in der U-bahn macht Spass. Nicht alle natürlich, aber vor
allem jene, die auf die Situation selber Bezug nimmt, die uns abholt bei
unserem Eingesperrt- und Eingeklemmt-Sein, bei unseren Sehnsüchten
unter Grund, und uns an der Hand nimmt, zum Beispiel ans Meer. «Stroll
along miles and miles of golden sand. Or just take the tube.»

Das Plakat wirbt mit einem Wellensurfer für Cornwall, wo wir ja alle
gerade sein möchten, lieber jedenfalls als in der Röhre, das «oder»
scheidet also die Glücklichen draussen von uns Unglücklichen hier
in der Enge. «Oder?» Wir können ja auch schnell die Tube
nehmen und buchen gehen oder gleich den Zug besteigen und ab die Schiene.
Dass der Wellenreiter der sich überschlagenden Welle auch «tube»
sagt, haben wir vermutet, denn es sieht ja aus, als fahre er durch einen
Tunnel aus Wasser und Gischt, im Kleingedruckten wird das Wortspiel dann
auch erklärt. Werbung, bei der man sogar etwas lernt, kann ja nun wirklich
nicht mehr als Volksverdummung verdammt werden. Also auf, nach Cornwall.

«Take the tube» ist auch ein Appell an alle, welche die verschmutzte
Luft unter Grund fürchten, die einem heiss und voller Partikel ins
Gesicht bläst, wenn sich der Zug nähert. Wischt man mit einem
weissen Tüchlein übers Antliz, so ist es schwarz vom Schmutz,
der in den Poren lagert. Abhilfe ist dringend gefragt, Neutrogena hat die
Antwort: «For pores this clear, take our tube.»
Abgebildet ist die Tube mit dem Produkt. Aha! Tube ist also nicht nur das,
wo man Menschen hineinpresst, sondern wo man Salbe herauspresst, lernt der
Fremde – schon wieder Werbung mit didaktischem Nutzen. Dass wir also nicht
einfach die Tube nehmen, sondern «our tube», also die ganz spezielle,
ist ja wohl klar. So klar wie eben die Poren sind, nach der Behandlung mit
Neutrogena.

Ja, Werbung. Einst haben wir sie als kapitalistisches Teufelswerk verschrieen,
und von einer Gesellschaft geschwärmt, welche die Bedürfnisse
des Kollektivs mit rational-wissenschaftlichen Methoden erhebt und durch
eine sauber und in alle Details geplante Wirtschaft deckt, in der jeder
nach seinen Fähigkeiten gibt und nach seinen Bedürfnissen erhält.
Ein solches System käme denn auch ganz ohne Werbung aus, der Zentralrechner
oder das Zentralkomitee verteilen in ihrer Weisheit die Arbeit und ihre
Früchte gerecht auf alle Individuen. Die gesparten gigantischen Summen
der kapitalistischen Werbewirtschaft könnten für soziale Zwecke
verwendet werden, Zwei zu Null. Man hat’s versucht, die Welt, die daraus
entsprang sah einer Londoner U-bahn ohne Werbung wohl sehr ähnlich:
Ziemlich grau in Schwarz.

Trotzdem: Lustig ist’s auch mit Werbung nicht gerade unter Grund, es ist
eine Schattenwelt, ein Hades des Schweigens. Aber auch dagegen gibt es Rezepte.
«Do something nobody does on the underground. Talk.»

Es gibt Münztelefone, um den Lieben die geschätzte Verspätung
anzukündigen, irgendwo steht wieder einmal alles still, wahrscheinlich
ein Sicherheitsalarm oder gar der schon längst erwartete Gasangriff
der IRA. Das Plakat macht uns diskret auf die einzige Möglichkeit aufmerksam,
bei der Reden in der Unterwelt nicht als unfein gilt. Sag’s doch schnell
per Telefon.

Dass die Londoner Underground gegenwärtig Probleme hat mit dem Fahrplan,
ist täglich erfahrbar, sie fährt eben oft nicht. Im Jahr 2000
soll es besser sein, wie vieles andere auch. Es wird deshalb viel gebaut
und gebohrt. Allzuviel? Nein, denn «A 12’000 mile service for
your car may take 2 days. Our 1000 billion mile service will take a little
longer.»
Wer nach einer so sympathischen Begründung nicht
freudig weiterwartet, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Wer gar mithelfen
möchte, dass man noch schneller fertig wird, kann sich sogar als Tunnelbohrer
bewerben, wer weiss: «You might find the boring work in our
tunnels interesting.»
Die PR der Verkehrsbetriebe ist wirklich
von der ganz feinen Art. Keine Rolltreppe, die stillsteht, ohne dass in
einem humorigen Text erklärt wird, warum und wie lange. Die Information
unter Grund ist auch sonst absolut perfekt. Wo man gerade hinblickt und
sich etwas fragt, dort steht auch schon die Antwort, deutlich lesbar. Die
Tube ist das Herz der Stadt. Damit sie es weiterhin bleibt, braucht sie
von Zeit zu Zeit ein bisschen Chirurgie, erklärt die PR-Abteilung.
Es wäre ja fast schade, wenn die Züge pünktlich fahren würden.
Just take the tube.

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