Lond-on-line 23.5

Der Fremde entdeckt eine Marktlücke, Fremdenführer
in Fremdsprachen, vielleicht gibt es das, ich habe es noch nirgends gesehen.
Keine Goldgrube wahrscheinlich, aber ein paar Pfund lasse ich ihn verdienen,
obwohl er Touristen nicht mag, er verstellt seine Stimme, gibt ihr englischen
Slang, wenn er Deutsch oder Französisch spricht. Von etwas muss er
ja leben, er hat die Geschichte des East End studiert, das jetzt gerade
in Mode kommt, Jack the Ripper natürlich und noch viel mehr, und natürlich
vermarktet er sein Angebot auf Internet, die Leute buchen direkt von Berlin,
Hopferau oder Obstalden aus. Nein, Obstalden nicht. Der Roman, sofern ich
ihn überhaupt schreibe, wird einmal nichts mehr mit dem Glarnerland
und den Fabriken und meinen Wurzeln zu tun haben, um das zu begreifen musste
ich nach London.

Hatte die schöne Erkenntnis, während ich einen Brief an Heinrich
Stüssi schrieb, dass eine Phase zu Ende gegangen ist mit dem Buch über
den Kilchenstock, dem dritten in einer Reihe, die mit «Lebensgefährlich
verletzt» begonnen hat und die «Fabrikglocke» einschliesst.
Eine Trilogie sozusagen, über die Geschichte meiner Familie und die
Geschichte meiner Heimat. Mensch, persönliches Schicksal (Lebensgefährlich
verletzt), Natur, Umwelt (Kilchenstock), Industrie, soziale Frage (Fabrikglocke).
Und insgesamt die Frage, wie weit wir über unser Leben selber bestimmen
können, und wie weit wir ausgeliefert sind.

Es war nicht geplant, es hat sich ganz einfach so ergeben, aus meinem Leben
und aus dem Leben der letzten Jahre im Glarnerland, in der Heimat, «Roots».
Es liegt scheint’s am Alter, in den Jahren vierzig suche der Mensch nach
Herkunft, habe ich irgendwo gelesen, in den Jahren fünfzig zieht es
ihn offenbar zu neuen Ufern, ja, man hat jetzt nicht mehr so viel zu verlieren,
kann etwas riskieren. Jedenfalls mich zieht es zu Neuem. «Keine Dorfgeschichten
mehr, keine Glarnergeschichten mehr», habe ich zu Chris gesagt. Sie
meint, mein Erlebnis mit dem defekten Computer und dem Verschwinden aus
dem Netz wäre doch eine Geschichte. Ein Freund hat gesagt: «Heute
ist es schon so weit, dass einer, der sich aus dem Internet verabschiedet,
als verschollen gilt.»

Der Fremde ist ja auf dem Netz. Er lebt also eigentlich in drei Welten,
«Real life» ist sein Lebenskampf als Fremdenführer, Cyberlife
ist das Netz, und die Geschichte des East End ist auch kein reales Leben,
sondern ebenfalls etwas Inneres, etwas Projiziertes, das wir aus der Datenwelt,
aus Büchern und Bildern rekonstruieren. Nun habe ich also eine interessante
Figur, den Fremden, einen interessanten Ort, East End, wo er hineinpasst,
aber noch keine Geschichte, was die gefährlichste Ausgangslage für
ein literarisches Werk ist. Dürrenmatt hat irgendwo mal geschrieben,
dass im Anfang die Geschichte sein muss, alles andere ergebe sich dann von
selber. Der «Plot», wie man hier sagt, muss dominieren, muss die
Aussage enthalten, nicht die «Characterisation» oder der «Place».
Das habe ich im «Writers Workshop» gelernt, das heisst, eigentlich
schon gewusst, aber wieder einmal bestätigt bekommen.

Gesucht ist also die Geschichte, in die ich meine Mosaiksteinchen aus dem
Tagebuch verweben kann, was hat der Kursleiter gesagt? Am besten sei ein
Konflikt? Ja, warum nicht? Also, her mit dem Konflikt!
Vielleicht so: Der Fremde hat dort, wo er herkommt, ein Verbrechen begangen.
Einen Computer geknackt beispielsweise, er war der grosse, niemals entlarvte
Hacker. Jetzt lebt er unerkannt und unauffällig hier. Jemand nimmt
auf dem Netz seine Spur auf: Letzte Woche wurde in den USA via Netz ein
Verbrecher verhaftet. Im Westen nichts Neues. Wahrscheinlich ist es ja eine
Frau, denn Liebe muss auch mitspielen, gehört zum RL (real life). Vielleicht
ist es aber auch ein Mann, der den einsamen Fremdenführer auf dem Netz
als Frau getarnt in die Falle lockt. Noch besser. Natürlich muss alles
offen bleiben: Ob er wirklich der Verbrecher war, oder ob es sich um eine
Verwechslung handelt, wie sie ja häufig sind in der Datenwelt. Gleicher
Name, andere Person.

Da kommt mir gerade eine nette Geschichte in den Sinn, die mir Major Cotton
erzählt hat. Im Krieg wurde ein Offizier namens John Baxter (Name erfunden)
nach Venedig aufgeboten, in einem Hotel dort würde er weitere Befehle
erhalten. John Baxter liess es sich wohl sein im Hotel, nach zwei Wochen
erkundigte er sich dann einmal beim lokalen Kommando, wozu er überhaupt
da sei.
«Sie werden den deutschen General Kesselring vor Kriegsgericht anklagen»,
hiess es. «Sie sind doch der bekannte Jurist John Baxter, oder nicht?»
Natürlich war er es nicht, es war eine Verwechslung.

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