Schreibend dem Gefängnis des Computers entrinnen,
das wollte ich einmal, 23 Jahre ist’s her, als ich meine Stelle als Systems
Engineer bei IBM kündigte, einfach so, und wir aufbrachen ins Land,
wo die Zitronen blühn. Wir besassen einen Renault 4 und Chris war schwanger.
Nun ist Schreiben mein Beruf und die Abhängigkeit vom Computer total.
Es ist wie in Ludwig Hohls «Bergfahrt», als der Held, in aussichtsloser
Lage in einer Felswand gefangen, endlich die Frage beantworten kann: Warum
steigt ihr auf Berge? Endlich weiss er: «Um dem Gefängnis zu entrinnen.»
Jeden Morgen, wenn ich nach dem Frühlstück – Natural Muesli und
Tee – den Computer einschalte, dasselbe Gefühl: Jetzt läuft er
nicht. Es vergehen stets ein paar Sekunden, bis die Festplatte anläuft.
Wird sie starten? Und wenn, dann dauert es noch eine Weile, bis das Startprozedere
abgeschlossen ist. Als ich den Computer neu ausgepackte – Freude herrschte
– blieb er schon beim zweiten Start stehen, das Bild auf dem Schirm fror
ein. Fabrikneu, getestet und kaputt. Ich ärgerte mich einen Tag lang
herum, versuchte dies und das, fuhr einen halben Tag durch die halbe Schweiz,
bis der brandneue Laptop endlich funktionierte, und jetzt tut er, toi, toi,
toi, bis auf weiteres. Wenn er wieder aussteigt, ist aus, fertig mit diesem
Tagebuch, Schluss mit meinem Roman, an dem ich noch korrigiere, aus mit
Internet und Fax.
Ohne Computer ist der Schreiber arbeitslos. So weit, dumme Floskel, ist
es gekommen.
Mit dem Laptop habe ich auch einen wunderschönen eleganten ColorStyleWriter
2200 gekauft, ein Farbdrucker, Tintenstrahl. Nur schwarz wollte er nie so
richtig drucken. Mit diesem Gerät habe ich Tage zugebracht, bin in
die Stadt gefahren, habe neue Tintenpatronen gekauft, habe gereinigt, das
Handbuch studiert von vorn bis hinten, schliesslich einen Apple-Vertreter
gesucht, bin hingefahren, eine Viertelstunde zu Fuss durch kalte Strassen
geirrt, habe den Drucker abgegeben. Nach vier Wochen konnte ich einen neuen
abholen, man hat ihn ausgetauscht. Resultat: auch der neue funktioniert
nicht.
Nun funktioniert Literatur heute ja auch ohne Drucker, zum Glück. Ich
liefere meine Artikel per Internet in die Schweiz, scheibe meine Briefe
per Fax aus dem Computer, und der Internet-Literaturwettbewerb war per E-mail
abzuliefern. Doch da steht der Drucker, neu, Papier eingelegt, von einem
Designer gestylt, nutzlos. Oder fast, muss ich sagen. Manchmal drucke ich
einen Text aus, verschwommen und kaum lesbar. Das Gerät ist wahrscheinlich
eine Fehlkonstruktion, von Anfang an.
Natürlich habe ich auch meinem Händler geschrieben und ihm per
Fax meine Lage geschildert, wie er sich das vorstelle, ein Schriftsteller
ohne Drucker. Bisher ist weder eine Antwort noch ein besseres Modell noch
eine Entschuldigung noch irgend etwas eingetroffen, es ist ja auch erst
drei Wochen her, Computerverkäufer sind vielbeschäftigte Menschen
und Apple hat gegenwärtig andere Probleme als einen kleinen Nörgeli
irgendwo weit im Feld draussen. Der Drucker hat ja nur 731 Franken gekostet
(die Tintenpatronen sind allerdings unbezahlbar). Alles in allem habe ich
bei meinem Händler Geräte für etwa 60’000 Franken gekauft
und ihm einige Kunden vermittelt. Aber was ist das schon heute, Peanuts.
Wäre ich selber Computerverkäufer geblieben, ich hätte vielleicht
weniger Ärger mit Computern, wäre weniger abhängig von einem
Gerät und hätte bestimmt weniger Geld ausgegeben dafür.
Korrigieren am Manuskript: Es ist wie das Wandern durch
eine Kunst- und Kulissenwelt, die man einmal geschaffen hat, ich begegne
Bekannten, lieben Menschen, vertrauten Situationen, auch der Text ist etwas
wie Heimat, das Immer-Gleiche, jede Seite habe
ich jetzt wohl zehn- oder zwanzigmal gelesen. Alles ist vertraut, ich sehe
die Räume, die Landschaften, die Berge, sehe Blut fliessen, Steine
vom Berg krachen und Jost ins kalte Wasser der Linth springen und meine
Mutter, Babetta, in der Fabrik. Meine Figuren haben einst alle gelebt, oder
fast alle, mosaikartig habe ich mit ihnen und für sie ein neues Leben,
eine neue Welt konstruiert. Es ist nicht die wirkliche Welt, es ist etwas
wie Cyberspace vielleicht, eine Kunstwelt, welche mit der wirklichen, der
realen, historischen Welt verbunden ist. Linthal, dreissiger Jahre, der
Berg droht.
Bei dieser zweitletzten Wanderung durch meine Wortlandschaft, die letzte
ist die Fahnenlektüre, nimmt mich der Lektor bei der Hand. Begleitet
mich mit Korrekturzeichen, mit Anmerkungen. Manchmal viel, manchmal wenig.
Manchmal glaube ich, seine Müdigkeit zu spüren. Dann wieder scheint
er auf irgend etwas besonders scharf zu sein, Schreibweise von Zahlen, Wiederholungen,
Nachsätze, welche das vorhergehende erschlagen, Fakten, die der Leser
längst kennt, aber der Autor schon wieder vergessen hat. Schreiben
geht ja langsam, lesen dagegen schnell, man kann nicht Leser und Autor sein,
das ist die grösste Schwierigkeit. «Too much», schreibt Jürg
Zimmerli, mein Lektor, hie und da an den Rand. Gewiss, Du hast recht! Ich
habe den Hang, zuviel zu sagen, die Bilder zu strapazieren, die Gedanken
zu wiederholen. Das Manuskript schrumpft, das ist gut.
Auch beim Korrigieren: Der Computer ist das unerlässliche Werkzeug.
Suche ich eine Wortwiederholung, eine Wendung, eine bestimmte Stelle: Die
Suchfunktion hilft. Mit Blättern wäre ich hoffnungslos langsam.
So gewinnt das Manuskript eine andere Transparenz, ich lese auch nicht mehr
linear, ich kenne ja alles, ich steige ein und aus. Nachteil, Vorteil? Ich
will nicht entscheiden. Nochmals: Ich kann nicht Leser meines eigenen Textes
sein, es gibt keine Spannung mehr. Und noch eine Beobachtung mache ich,
bei diesem historischen Stoff: Ich weiss oft nicht mehr, was Fakten sind
und was Fiktion, was gefunden und was erfunden. Der Text ist eine neue Realität,
ich hoffe, die Menschen, die darin vorkommen, mit Namen, werden mir verzeihen,
ob sie noch leben oder schon gestorben sind. Ich habe sie alle ohne Ausnahme
lieb gewonnen, selbst den Fabrikanten und den national angehauchten Bauernführer.
Scheiben heisst ja auch Rollen spielen, und das geht nicht ohne Liebe. Der
Schreibende muss jede Figur sein, oder es zumindest versuchen.