Lond-on-line 23.3

Den Cézanne habe ich vom Internet geladen, so hat es auch der «Independent» empfohlen, statt stundenlang an der Kasse der Tate Gallery Schlange zu stehen. Die Internetadresse, unter welcher der Louvre eine Reihe von Bildern und Biografisches zu Paul Cézanne verbreitet, war zwar falsch, ich fand sie zufällig über die Home-Page von Hackney in East London, wo man den Armen via Netz wahrscheinlich ein wenig Kultur ins Haus liefern will. In die Tate Galerie werden sich die Bengali und die Schwarzen und die Arbeiter aus Hackney wohl nicht verirren.

«Digitalisierung des kulturellen Erbes» hat vor etwa zwei Jahren der französische Kulturminister Jacques Toubon den Vorgang genannt. Ich habe mir jedenfalls ein zartes Gemälde des Mont Sainte-Victoire ab der digitalen Kulturquelle auf meinem Farbdrucker ausgedruckt und mit Nadeln an die Wand gesteckt. Man kann sich jetzt streiten, ob das noch etwas mit Kultur zu tun habe. Jedenfalls hat mich das Bildchen an der Wand dazu angeregt, doch noch eine Eintrittskarte bei Tate zu buchen. Die rüde Behandlung am Telefon hat mich dann eher wieder abgeschreckt. Das hat nun wirklich nichts mehr mit Kultur zu tun.

Also ich rufe viermal an, bis endlich der unfreundlichste Mensch der Welt abnimmt, und ins Telefon ein Datum brüllt, drei Wochen später und am Samstagabend zwischen halb sieben und sieben Uhr, wenn man die Zeit verpasst, verfällt die Eintrittskarte und jetzt die Kreditkartennummer.
«Wie bitte? Wann haben sie gesagt? Ich dachte, die Galerie schliesse um sechs …»
Den folgenden Dialog erspare ich den Leserinnen und Lesern, jedenfalls ist es jetzt klar, warum ein grosse Zeitung empfiehlt, doch aufs Internet auszuweichen. Ich habe durchgehalten und habe die Karte bekommen.

Warum, so ist wirklich die Frage, warum strömen plötzlich Massen in die Ausstellungen der alten Meister? Zwanzigtausend Briten haben ein Arrangement nach Den Haag an eine Vermeer-Ausstellung gebucht, nebst hunderttausend Franzosen und andern Völkerstämmen, in Zürich war Munch der grosse Renner, Klee ist in Bern der Dauerbrenner. Ist es derselbe Drang, der Millionen Menschen nach klassischer Literatur greifen lässt? Der Wunsch nach dem Ewigen, dem Immerwährenden, dem klassisch Schönen, das Halt bietet in einer Welt, die aus den Fugen fällt, die hässlich ist und gefährlich und verschmutzt und krank und korrupt und die keine Visionen für die Zukunft mehr anbietet ausser Horror und Untergang? Und weil vorne nichts mehr kommt, schaut man umso lieber nach hinten? Selbst im Internet sind die Klassiker gross dabei, Cézanne eben oder das Projekt Gutenberg, welches das Erbe der klassischen Literatur digitalisiert. Auch der CD-ROM Markt platzt von Klassischem, von Leonardo da Vinci, Cézanne selbstverständlich, bis zur Encyclopedia Britannica. Das digitale Zeitalter hat offenbar keine Inhalte mehr anzubieten, bloss Speicher, welche die alten Inhalte aufsaugen, aufbewahren und transportieren.

Paul Cézanne habe, so hat mir eine Kunsthistorikerin gesagt, den Mont Sainte-Victoire bei Aix-en-Provence jeden Tag gemalt, der Berg ist jeden Tag ein anderes Bild. Besonders die Südwand über dem Vallée d’Arc, lese ich in der Biografie auf dem Netz, hat er ab 1886 bis zum Tod 1906 «unsterblich» gemacht. Für mich hat die Wand des Sainte-Victoire eine ganz andere Unsterblichkeit. Mein Freund HansPeter hat mich vor zwölf Jahren dazu überredet, eine Woche mit ihm am Sainte-Victoire zu klettern, erstmals ich mit den modernen Slicks, und schon nach den erste Schritten wusste ich: Ein neues Leben hat begonnen. Am Sainte-Victoire wurde ich Sportkletterer.

Wenn ich Cézannes Bild des Mount Sainte-Victoire anschaue, postkartengross und bunt tintengestrahlt an meiner Wand, dann rieche ich den weissen Kalk wieder und die Pinien, ich höre den Sturm in jener Nacht, in der ich Spaghetti kochte auf dem Pass und mit frischem Rosmarin würzte, nach einem harten Klettertag. Ich sehne mich nach der südlichen Sonne und dem Licht und ich sehne mich nach der verschwundenen Zeit.

In der Ausstellung in der Tate Gallery herrscht dann eher die Stimmung der U-bahn, als der Provence: Ein Menschenstrom, der sich durch die Hallen zwängt, düsteres Licht, Getrappel, Stossen (Sorry!), das Zischen der Walkmen (Ausstellungsführung), Murmeln und unhörbares Furzen und der Geruch von Haarspray und Nikotin und Parfüm. Also nicht Rosmarin, Pinien, Kalk und dürres Gras. Der Sainte-Victoire mehrfach natürlich, jedoch zu düster, zu saftig, es ist nicht das knallende südliche Licht, das Flirren und Sirren, die Hitze, die alles verbrennt. Es liegt wohl am Licht. Das ganze mündet in einen Cézanne-Shop von enormer Ausdehnung: Bücher und Karten und Reproduktionen und CD-ROM, die Plastiktaschen werden gefüllt. Und schon ruft eine Angestellte: «Die Aussstellung schliesst jetzt dann gleich.» Welch ein Glück.

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