Ein multimedialer Lehrpfad führt über die Tower Bridge, wir Touristen werden in Gruppen durchgeschleust, Übersetzungsgeräte
am Ohr, London verkauft seine Geschichte. Roboterpuppen, Videos,
lebendige Führer, Fotos, Modelle, Diashows katapultieren uns gefühlsmässig
in die 1880er, als London im Dilemma steckte zwischen dem Bedürfnis,
einer rasch wachsenden Stadt einen Flussübergang östlich der überlasteten
London Bridge zu öffnen und den Problem, dass dadurch der Schiffsverkehr
auf der Themse behindert würde. Doch England war das Land der
Maschinenbauer, der Dampfkraft, des Triumphs der Ingenieurkunst.
Und so lernen wir, das reale Objekt abschreitend, treppauf von
Station zu Station und über die reale Fussgängerbrücke hoch über
der Themse in die regnerische braune Stadt schauend, die Prinzipien
der technischen Lösung eines städtebaulichen Problems kennen:
die dampfgetriebene, hydraulische Schaukelstruktion der Tower
Bridge.
Der Lehrpfad vermittelt selbst Grundlagenunterricht: Hydraulik,
das ist Kraftübertragung durch Wasser, denn Wasser verformt sich
auch unter hohem Druck kaum. Dann kommen die Hebelgesetze an die
Reihe, durch zwei Slapstickfiguren humoristisch dargestellt, die
schweren Brückenflügel lagern wie eine Schaukel auf einem Drehpunkt,
auf der Gegenseite in Balance gehalten durch Gegengewichte. Klar,
wir sind im Lande Newtons, des Schöpfers der Mechanik. Kraft gleich
Masse mal Beschleunigung haben wir einmal in der Schule gelernt.
Da sich die tausend Tonnen schwere Brücke in einer Minute öffnen
oder schliessen soll, ist trotz der genialen Schaukel in kurzer
Zeit gewaltige Kraft nötig, eine Dampfmaschine kann sie niemals
aufbringen. Die Dampfmaschine stampft kontinuierlich, die Energie
wird gespeichert, indem tonnenschwere Gewichte in die Höhe gepumpt
werden: Energie gleich Kraft mal Höhe (wenn ich mich recht erinnere).
Die Kraft wird über mächtige Zahnräder auf einen Zahnkranz übertragen,
der die Brückenflügel bewegt. Bei der Dampfmaschine erinnert man
sich vielleicht nochmals kurz an die Kompundmaschine im Science Museum: Die zwei Kolben, die den Dampfdruck zweimal nutzen, bei Hoch-
und bei Niederdruck, das haben wir doch dort schon gelernt…
London, die grosse Schule.
Jedenfalls ist die Tower Bridge eine perfekte Veranschaulichung
aller Grundlagen der mechanischen Physik, die Granitverkleidung
des Stahlgerüstes, das alles trägt, die Sandsteinfiguren und Reliefs,
die Türmchen und Erker und Säulen sind nur Fassade, dem viktorianischen
Zeitgeist angedient. Bei der Eröffnung am 6. Juli 1894, einem
strahlenden Sommertag, fuhren Adel und Behörden und Bischöfe in
Kutschen über die Brücke, an der Spitze Prince und Princess of
Wales. Dann setzte «His Royal Highness» mit einem eigens konstruierten
silbernen Hebel die hydraulische Maschinerie in Bewegung, langsam
und leise hoben sich die Brückenflügel, und die Menge brach in
Applaus aus, Kanonen donnerten und Trompeten erklangen. Horace
Jones, der geniale Architekt, durfte den Tag nicht mehr erleben,
er war schon sieben Jahre zuvor gestorben, noch bevor die Fundamente
standen. Sein Werk vollendete sein engster Mitarbeiter, Chefingenieur
John Wolfe Barry.
Den Abschluss der Führung, nach der heiteren Nachhilfestunde in
Geschichte, Physik und technischer Kultur, bildet ein Poem, vorgetragen
in einem müffelnden viktorianischen Theäterchen, auf der Bühne
fahren Pappfiguren umher, Prinz und Prinzessin treten auf, Schiffe
schaukeln und Wolken segeln und Kutschen rattern, es ist ein überdimensioniertes
englisches Papiertheater, vom Computer gesteuert. Nach all der Technik soll wohl ein bisschen
Kitsch die Herzen der Besucherinnen auf den Kitsch im «Gift Shop»
einstimmen. Schliesslich will man etwas verkaufen und der Tourismus
ist Londons wichtigster Wirtschaftsfaktor, zwanzig Millionen Besucher
strömen jährlich in die Stadt, Tendenz steigend.