LOND-ON-LINE 2.3.

Eines Tages verschwand Michael Rodinsky aus seiner Dachwohnung
an der Princelet Street in Spitalfields, wo er seit Jahren gehaust hatte,
allein und in Büchern vergraben, von dem polnischen Juden, der vor
den Nazis geflohen war, wusste man nur, dass er fanatisch Sprachen studierte,
tagein, tagaus über Wörterbüchern in Hebräsch, Russisch,
Französisch und irgendwelchen alten Dialekten brütete. Erst nach
einigen Wochen erkundigte sich einmal der Rabbi nach Rodinsky, der wohl
kein eifriger Gast in der Synagoge gewesen war, in deren oberstem Stockwerk
er seit Menschengedenken hauste, dann vergass man den Alten wieder. Zwanzig
Jahre später fanden Arbeiter seine Wohnung unberührt, selbst seine
Brille lag noch auf dem Tisch, unter dickem Staub ebenso die Resten eines
Frühstücks und das Ticket einer Waage, das er als Buchzeichen
benutzt hatte, es zeigte 12 Stone und 12 Pfund. Das Bett war ungemacht,
Kleider hingen am Stuhl, Flaschen standen herum und Bücher, Bücher,
Bücher.

Man erinnerte sich wieder an die Gerüchte von damals. Rodinsky habe
auf der Strasse einen Schlaganfall erlitten, er sei auf einem jüdischen
Friedhof in einem Grab ohne Namen beigesetzt worden, ein Mensch, der nach
seiner Vertreibung aus der Heimat wohl ohnehin halb auf dieser und halb
schon in der jenseitigen Welt gelebt hatte. Vielleicht hatte er, eine Familie,
Frau, Kinder in den Gaskammern verloren, lebte nun allein dahin, ein «Pawnbroker»,
mit Büchern, mit Wörtern in fremden Sprachen und mit schrecklichen
Erinnerungen. Die Bücher, eine respektable Sammlung, wurden dem Museum
of London übergeben, seine Kleider und die persönlichen Dinge
warfen die Bauarbeiter fort.

Das Haus, ein solider Backsteinbau, war im Jahr 1710 in dem georgianischen
Stil erbaut worden wie viele im East End: In der Mitte eine solide Tür
mit geschnitztem Rahmen und Vordach, links und rechts regelmässige
hohe Fenster, ebenso in den oberen Stockwerken. Den Dachaufbau hatten die
hugenottischen Seidenweber errichtet, die sich nach ihrer Vertreibung aus
Frankreich im East End niederliessen und ihrer angestammten Heimarbeit nachgingen.
Ihnen folgten jüdische Schneider, das Textilgewerbe ist noch heute
im East End dominant. 1810 wurde in dem Haus eine Syngoge eingerichtet.
Und jetzt verkaufte es der Inhaber, Dominic Dyson an eine internationale
Moslemorganisation, die es in eine Moschee konvertiert. Die Juden sind in
die vornehmeren Quartiere wie Hampsted weitergezogen und haben neuen Flüchtlingen,
den Moslems aus Bangaladesh, Platz gemacht. Selbst die Strassen sind zweisprachig
angeschrieben, in Englisch und in Bengali, in den öffentlichen Schulen
sitzen nur noch bengalische Kinder.
Wo Michael Rodinsky geendet hat, weiss Gott allein.

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