Während ich an meinen Roman denke, geschieht er, doch
wahrscheinlich glaubt mir das niemand. Ich sitze in der U-bahn und fahre
eine Station nach Aldgate East um bei Ashby’s, einem neu entdeckten Café
in der Artillery Passage, meinen Cappuccino zu trinken. Lavazza, beste Qualität,
freundlichste Bedienung Londons, ein Italiener. Wir durften sogar einmal
die Zeitung mitnehmen, die dort aufliegt – wo denn sonst? Meine Geschichte
soll sich ja um einen Fremdenführer im East End drehen, der «Plot»
beginnt in meinem Kopf zu wachsen, ich verrate ihn natürlich nicht.
(Nur Dir, Chris, gell…) Ich stelle mir den Mann so vor wie meinen Freund
Laurie, der ein so schwieriges Leben fristet mit seinen «Walks».
Der weisshaarige, melancholische «Local Historian» hat mich letzthin
sogar angerufen, für seinen Pub Walk, leider hatte ich keine Zeit.
Also ich sitze in der Tube, stelle mir Laurie vor und denke, die Geschichte
beginnt so, dass er bei Aldgate wartet, Samstags um elf Uhr, und es ist
ein eher kalter, ein eher unfreundlicher Morgen, er steht da mit seinem
Mäppchen, und es kommt ein junges Ehepaar auf die Führung, sonst
niemand. Ich schaue auf die Uhr und es ist Samstag, viertel nach elf, und
Wolken ziehen auf, ein kühler Wind weht, ein paar Tropfen fallen, Zufall.
Ich denke also, Laurie muss jetzt hier herumwandern, hoffentlich hat er
genug Gäste. Ich gehe also an dem alten Badehaus vorbei, das Königin
Viktoria noch eingeweiht hat, schaue gegen die Brick Lane hinauf, und sehe
Laurie… mit einem jungen Ehepaar. Sonst mit niemandem. Voilà, denke
ich, mein Roman hat begonnen.
Während ich weiterwandere, bei der jüdischen Suppenküche
aus der Jahrhundertwende, denke ich, hier gegenüber in den etwas heruntergekommenen
Backsteinblöcken, in einer der armseligen Wohnungen mit den Lauben,
über dem Hof, da hat mein John Baxter gewohnt. Er sieht immer die Suppenküche,
wenn er aus dem Fenster schaut, «for the jewisch poor», er ist
ja selber ein Jude. Und sitzt er im Pub an der Ecke, dem Duke of Wellington,
und spielt ein Dart. Ja, das ist das Ambiente meiner Geschichte, und ich
spinne den Plot weiter, während ich durch die leeren Strassen wandere,
wie gesagt, ich verrate ihn nicht. Sollte ich den Roman je schreibe, wird
man ja dann lesen können.
Schon einmal hatte ich eine solche Begegnung mit einer Situation aus einem
Roman. Ich schrieb an der «Wand der Sila», 1995 glaube ich, ich
hatte gerade den Sturz des Johannes in der Wand beschrieben, als ich mit
Ueli Dubach den Villigerpfeiler kletterte. Ich stieg die Schlüsselstelle
voraus, den einst so gefürchteten überhängenden Kamin, musste
eine Trittschlinge einhängen, stand darin mit einem Fuss, gerade wie
mein Johannes an der Sila, der andere Fuss rutschte, ich verhedderte mich
in der Trittschlinge und stürzte kopfüber ins Leere. Kopf unten
schaute hinab ins Geröll wie mein Romanheld und dachte, eigentlich
habe ich das gar nicht so schlecht beschrieben. Übrigens war das auch
meine Begegnung mit Heinz, er kletterte mit seinem Bruder gerade hinter
uns. Natürlich war mein Sturz so absurd dramatisch, dass wir alle lachen
mussten.
Leider ist dann Ashby’s geschlossen, ich habe nicht gut nachgelesen im Büchlein
«London’s good Coffee Shops», dem Führer zum guten London.
Jedenfalls räumt er gründlich auf mit der Mär, die Engländer
tränken nur Tee. 1690 gab es in London fünfhundert Kaffeehäuser,
und die hundert, die im Büchlein erwähnt sind, sind wohl alle
besuchenswert. Asby’s muss jedenfalls in meiner Geschichte vorkommen. Ich
wandere also weiter zur Liverpool Street Station, wo es auch einen guten
Cappuccino gibt, allerdings herrscht an der Kasse stets ein Gedränge.
Ein stiernackiger Schwarzer mit Sonnenbrille stiess mich dort einmal sehr
unsanft zur Seite, als ich ihm in den Weg geriet – gut, habe ich die Szene
noch nicht geschrieben, wo Baxter mit dem Messer angegriffen wird. Die kommt
dann erst dran, wenn ich wieder in Obstalden bin, mit den Schneegebirgen
im Rücken.