Messen stimmen mich immer ein wenig traurig, Buchmessen
meide ich, denn die uferlose Flut der Neuerscheinungen weckt unwillkürlich
die Frage nach dem Sinn des Schreibens. Computermessen desgleichen, denn
im Dickicht des Neuen sieht wohl mancher alt aus. An der «Internet
World International 96» in der Olympiahalle verspricht ein Transparent
gar, dass die Welt nicht mehr dieselbe sein werde, wie zuvor. Trotz Messephobie
habe ich den Blick in die Zukunft gewagt. «Das grösste Internet
Ereignis in Europa für die kommerzielle Nutzung des Internet»
sieht dann doch noch recht heutig aus. Die Herren vorwiegend in Grau, Krawatte
bunt, die Damen schwarzweiss und blond.
Bei 77 Ausstellern sind die Wörter noch grösser als die Wirklichkeit.
Kann man Internet überhaupt ausstellen? habe ich mich gefragt. Es ist
ja doch immer ein bisschen dasselbe. Die Aussteller behelfen sich mit ausgiebigen
Präsentationen am Grossbildschirm, um dem Publikum mehr zu zeigen als
nur bunte Bilder. Ich stürzte mich natürlich sogleich auf einen
der vielen Computer, die herumstehen und zum Netzsurfen zum Nulltarif einladen,
vergewissere mich, dass es meine eigene Homepage noch gibt und schreibe
Chris einen Liebesbrief.
Aber eigentlich ist das Gegenteil des freien Zugangs Thema, nämlich
«How to get online and make money». Das erste ist mir kein Rätsel
mehr, das zweite schon. Also muss ich mich doch ein wenig umsehen. Die Geschäftswelt,
so ist der Eindruck, hat nun wirklich das Heft in die Hand genommen, das
Selbstgestrickte, Chaotische der Pionierzeit, die ja noch kaum ein Jahr
zurückliegt, ist vorbei. Bloss die IBM versucht sich krampfhaft locker
zu geben, die Herren am Stand haben die Krawatte zuhause gelassen und tragen
Sweetshirt, einheitlich blau wenigstens, und Lewis Dockers mit Gürtel.
Aufsehen erregt eine Dame, die in BH und Baströcklein durch die Hallen
streift, den Herren Bananen verteilt und ihren faltigen Bauch zeigt. Werbung
für eine Software namens Amazon, free on the Web. Das ist fast die
kreativste Darbietung im Realspace.
Das Geschäft, so die Erkenntnis nach meinem Rundgang, ist offenbar
nicht das Internet selbst, sondern das Drum und Dran. Die Tools zum Bauen
von schönen Home-Pages, farbig und 3D und mit möglichst wenig
Speicher, wegen der langsamen Leitungen, für Video-Animation, Audio
und gar zum Steuern des Surfens mit der eigenen Stimme. Beratung für
alle möglichen Nutzungen wird breit angeboten, für Schulung, PR,
Grafik, Medienverbund. Bücher natürlich, Computer, Provider, Internet-Cafes,
Datennetze.
Inhalte, also die Daten selbst, lassen sich auf dem Netz nur schwer verkaufen,
das Angebot ist zu gross, von 20 Millionen Seiten ist die Rede, es unterliegt
keinerlei Qualitätskriterien oder Standards, es ist Werbung, Eigenwerbung,
Information, Unterhaltung, irgendwas. Für diesen Flohmarkt zahlt niemand
viel und der freie Zugang gehört ein bisschen zum Nimbus des Netzes.
Jeder spaziert gerne darin herum. Irgendwann blitzt mir durch den Kopf,
dass die Metapher vom Superhighway ja doch nicht so schlecht ist. Strassen
sind ja auch gratis, und die Landschaft, die wir beim Herumfahren betrachten,
ebenfalls. Das Geschäft findet also auch im Realspace rundherum statt,
man kauft Autos, tankt Benzin, isst in der Raststätte, liest die Reklameschilder
am Strasserand und zahlt Eintritt in den Vergnügungspark.
Fast auf den Tag genau vor einem Jahr habe ich mich erstmals aufs Internet
geschaltet, ein bisschen Goldgräberstimmung herrschte noch. Und schon
ist das Eldorado zum Disneyland geworden und die Frage, die dann etwas traurig
stimmt, ist: «Was suche ich hier eigentlich noch?»
Am Abend kann ich meinen Computer abholen, vier Wochen hat die Reparatur
gedauert. Aus dem Tief fliege ich ins High. An der Liverpool Street Station
gehe ich an einem Mann vorbei, der für die Blinden sammelt. Dann kehre
ich nochmals zurück und werfe ein Pound in den Schlitz. Ein bisschen
beschwöre ich damit das Schicksal, dass mein PowerBook nicht mehr kapputt
geht.