Gestern war Königin Elizabeth siebzig, liebe Schwester, heute donnern die Kanonen Salut, doch ich habe die 62 Schüsse vom Tower nicht gehört, der Stadtlärm hat sie verschluckt. Macht nichts, Kanonen sind in diesen Tagen ohnehin kein Instrument des Feierns, sondern des Schreckens, wie schon immer eigentlich. Warum haben Monarchen nicht mehr Stil? Es ist Tradition, natürlich, wie die Macht auch, die ja letztlich nicht auf Gott, sondern auf Kanonen baut. Es macht also Sinn, es erinnert an den Kern der Geschichte.
Liebe Schwester, ich erinnere mich noch, wie Du Bilder gesammelt hast, alle Fotos hast Du aus den Zeitungen geschnitten, von den Prinzessinnen Elizabeth und Margaret Rose, Du hast sie in alte Schulhefte geklebt, die Prinzessinnen mit Hunden, mit Ponygespannen, mit Pferden, im Militärdienst im zweiten Weltkrieg auf dem Lastwagen, Elizabeth mit ihrem Verlobten Philip of Greece, bei der Trauung 1947, und schliesslich die Krönung am 2. Juni 1953. Bücher hast Du gelesen, über die jungen Prinzessinnen und die glückliche Königin. Du bist zehn Jahre jünger und hast die schöne Frau aus der andern Welt angehimmelt, ihre höchste Zeit war die schwärzeste Deines Lebens, Tod unserer Mutter, Fabrikarbeit, Nähstube, Stiefmutter, die ersten Anzeichen Deiner Krankheit. Du hast Elizabeth wohl angehimmelt, weil sie aus einer Welt stammte, die jenseits alles Vorstellbaren lag, so unerreichbar wie der Himmel eben, den es für Dich auf Erden nie gegeben hat. Könnte es anders sein? Warum sie und nicht ich? Gewiss hast Du nie gezweifelt, dass alles so ist, wie es sein muss, Du in der Fabrik und in der Klinik und sie im Palast.
Ich weiss, heute bist Du kritischer geworden. Du sammelst keine Bildchen mehr, und die sentimentalen Eskapaden ihrer Schwester Margaret Rose und vor allem ihrer Kinder haben Dir so wenig behagt, wie der glücklichen Elizabeth, die inzwischen ein bisschen griesgrämig aussieht. Aber sie ist kerngesund und alles hofft, sie werde hundert, denn wenn sie einmal stirbt, gibt es ein Problem. Meine Zeitung, der Independent, hat es gewagt, am Geburtstag einen Artikel auf die Frontseite zu pflanzen, der von der Initiative des Labour Abgeordneten Paul Routledge berichtet, der die Monarchie per Abstimmung beenden möchte, obwohl der Labour-Vorsitzende Tony Blair kürzlich dem leiblichen Thronfolger Prinz Charles bestätigt hat, er halte ihn «fit, to become king». Fit ist er sicher, und weit besser als sein Ruf. Er denkt sozial, unterstützt Arbeits- und Obdachlose mit gescheiten Initiativen und kritisiert den architektonischen Barbarismus in London. Aber er ist nicht so beliebt, er würde die Nation spalten, fürchten einige und das Grosskapital fürchtet einen Grünen auf dem Thron. «Er redet mit dem Blumen und unterrichtet seine Söhne im Schiessen von Vögeln, einfach so zum Spass», hat man ihm kürzlich vorgeworfen. Auch Du liebst ihn nicht so, Schwesterlein, ich weiss, der Prince of Wales ist kein moralisches Vorbild und hat abstehende Ohren. Er ist halt ein bisschen von unserer Welt, und wahrscheinlich glaubt er nicht mehr an den göttlichen Auftrag, auf den sich jede vererbbare Dynastie beruft.
Es gibt also keinen Nachfolger und keine Nachfolgerin, die Republikaner stehen in den Startlöchern, bis Elizabeth stirbt oder zurücktritt, denn es herrscht Konsens, dass sie im Amt bleiben kann, schliesslich zahlt sie seit 1992 auch Steuern, und sie kurbelt den Tourismus an. Der respektlose Independent hat gar vorgeschlagen, man könnte eventuell auch die Moarchie privatisieren, wie das Wasser, denn auch das kommt von Gott und gehört doch jenen, welche auch die Kanonen besitzen. Am Tower wird aber nur noch Schwarzpulver verschossen, die Themse ist verdreckt und der Kanonendonner übertönt nicht einmal mehr den Strassenlärm.