Der Wahnsinn geht weiter, diesmal ist es der Rinderwahnsinn. Kaum hat sich das Land von dem Bombenterror der IRA erholt, die ölverdreckten Wasservögel und die Küstenfelsen nach der Tankerkatastrophe in Wales gewaschen und die Wunden des Dunblane-Massakers geleckt, schlägt auch schon die nächste Welle des Schreckens über der britischen Gesellschaft zusammen. Der Rinderwahnsinn hat sich als übertragbar auf Menschen erwiesen, zehn sind bereits an der zwingend tödlichen Hirnkrankheit gestorben, alle unter 42 Jahre alt. Die Inkubationszeit beträgt 5 bis 15 Jahre, wer also in den achtziger Jahren einen kontaminierten Hamburger oder ein Steak verspeist hat, ist möglicherweise zum Tode verurteilt. Nun ist uns ja schon die Lust am lebenden Fleisch durch Aids verdorben, jetzt können wir selbst das geschlachtete nicht mehr ruhig geniessen. Auf Vögeln steht Immunschwäche, auf Fressen eine frühe Form von Alzheimer, das Sterben erstrecke sich über ein Jahr.
Es wird nun ernsthaft diskutiert, alle 11,8 Millionen Rinder im United Kingdom zu verbrennen. Die Endlösung, Auschwitz für Nutztiere. Da bricht schon die Frage auf, ob der Liebe Gott mit der Gleichung 10 tote Menschen gegen 11,8 Millionen Rinder einverstanden wäre, oder ob er anders wägen und zählen würde. (Das Leben der Feuerwehrfrau Fleur Lombard, die im Februar bei einem Einsatz starb, wurde von der Regierung mit 950 Pfund abgegolten.) Vielleicht liebt Gott auch die Rinder, denn sie gehören zur Schöpfung sogut wie wir Menschen. Aber es wird ja wohl noch mehr Tote geben und vielleicht auch Gastwirte und Metzger und Bauern, die sich wegen des Zusammenbruchs des Fleischmarktes in den Kopf schiessen werden. Der Export beträgt eine halbe Milliarde Pfund, als nicht Gewicht, sondern Geld, fünf Länder der EG haben bereits einen Einfuhrstopp verfügt, was auch das Todesurteil für die gemeinsame Währung sein könnte.
Ich werde auch auf Rindfleisch verzichten, obwohl ich dem natürlichen Alzheimer, Durchschnittsalter 63, schon näher bin als dem menschlichen Rinderwahnsinn. Und unweigerlich stellt sich da noch die Frage: Ist denn diese Katastrophe wirklich wieder real oder ist auch sie durch die Medien gemacht, die heute die extra grossen Buchstaben auf die Frontseiten warfen? Denn die konkrete Bedrohung des Einzelnen ist ja wiederum Zehnerpotenzen geringer als jene im Verkehr oder sogar in der Küche beim Kochen.
Interessanterweise habe ich heute von meinen Kletterfreund Phil, einem amerikanischen Studenten aus Conneticut, erfahren, wie er den Unterschied zwischen den Amerikanern und den Engländern sieht. Ja, die Engländer sind weniger zugänglich, weniger freundlich, zurückhaltender als seine Landsleute, die halt immer gerne erfahren, mit wem es sie zu tun haben, die fragen und erzählen und lachen und auf Schultern klopfen. Phil meint, die englische Gesellschaft sei stärker durch die Medien geprägt als die amerikanische, was einigermassen erstaunlich ist, CNN ist schliesslich eine amerikanische Erfindung.
Tatsächlich ist die Informationskultur im Land der Zeitungen erstaunlich. Im «Independent» befassen sich heute auf drei Seiten 15 Artikel mit dem Rinderwahnsinn, der seit gestern Thema ist. Wissenschaftliche, politische, alltägliche Aspekte, Meinungen, Leidensgeschichten, Grafiken. Es ist eine Fülle von aktuellem Stoff, von Recherche, von Hintergrund, wie wir uns das niemals vorstellen können, obwohl auch unsere Zeitungen ja nicht schlecht sind. Definitiv besser noch das Fernsehen, das stets sofort auf dem Platz ist, kompetent und hautnah berichtet und kommentiert. «Blick war dabei» darf ja nicht einmal mehr unser Boulevardblatt schreiben, denn selbst Blick wird wie unser Fernsehen und unsere Tageszeitungen vorwiegend am Bürotisch gemacht. BBC jedoch ist immer dabei.
Aber ist es vielleicht möglich, dass durch eben diese Fülle von Fakten, von Recherchen, von hautnahem Stoff die permanente Katastrophenstimmung entsteht, das Gefühl, von einem Schrecken in den folgenden zu stolpern. Geschieht etwas, das zum grossen Medienthema wird, dann leiden alle mit. Nach dem Dunblane Massaker weinten hartgesottene Parlamentarier vor laufender Kamera, während einer Minute des Schweigens stand das Land still, weinte und betete gemeinsam.