Der Elephantenmann von Whitechapel kam 1884 ins East End
und wurde in einer Show ausgestellt, zusammen mit Elektra, der elektrischen
Lady, deren Körper Funken sprühte, einem irischen Riesen und einer
Gruppe wilder Zulus, die in Wirklichkeit schwarzbemalte Matrosen aus Wapping
waren. Er hiess Joseph Merrick und stammte aus den Midlands, seine Mutter
war gestorben, als er zehn war, sie sei, so sagte man, während der
Schwangerschaft von einem Zirkuselefanten niedergetrampelt worden. Sie hatte
ein Monster geboren, mit einem verschwollenen Gesicht, dicker runzliger
Haut, die Nase ein wüster Buckel, die Augen in dunklen Höhlen
versunken, der Mund ein schiefes Loch.
Der Schausteller Tom Norman, ein Schlitzohr, nahm sich des jungen Mannes
an, bei dessen Anblick die Leute Schreckenschreie ausstiessen oder in wüstes
Gelächeter ausbrachen. An der Whitechapel Road und an den East India
Docks hatte Norman einen Showraum, der Eintritt kostete einen Penny. East
End, das war schon damals eine farbige Welt, hier lebten Dockarbeiter, Seeleute,
Einwanderer, Huren, Händler und Bettler. Vier Jahre später ging
im schweren Nebel und im Zwielicht der Gaslaternen ein Mörder um, der
als Jack the Ripper in die Geschichte eingegangen ist. Eine Welt voller
Arbeit, Angst, Alkohol, Vergnügen und Exzessen.
Frederick Treves, ein junge Chirurg am Royal London Hospital von Whitechapel,
liess sich den Elefantenmann für fünf Pennies privat vorführen,
er sei «die Verkörperung der Einsamkeit» war sein betroffener
Kommentar. Er liess ihn ins Spital kommen für medizinische Untersuchungen.
Um die Strasse zu überqueren musste Merrick eine schwarze Maske tragen.
Später wurde der Showraum von der Polizei geschlossen.
Der Elefantenmann zog mit einer Show in Europa herum, kam schliesslich auf
abenteuerlichem Weg nach Whitechapel zurück. Treves nahm sich seiner
wieder an, er konnte fortan in einem kleinen Raum im Spital sein Leben fristen
und wurde von den führenden Ärzten und Pathologen untersucht.
Die junge Witwe eines Arztes traute sich gar, dem Monster die Hand zu reichen
und ihm ein Lächeln zu schenken, und die Schauspierin Madge Kendall
sammelte Geld. Joseph Merrick schöpfte neuen Mut. Selten ging er ins
Freie, obwohl er die Natur liebte und überhaupt, wie man feststellte,
ein gescheiter, friedfertiger und mutiger Mensch war. Schliesslich hatte
also der Elefantenmann in Whitechapel eine Heimat gefunden, wie viele Verlorene
und Verstossene aus aller Welt. Friedlich schlief er im Jahr 1890 für
immer ein, 27 Jahre alt war er geworden.