Lond-on-line 21.6.

Heute ist der «Go Home on Time Day», der längste
Tag des Jahres, und der soll, nach Meinung von Lucy Daniels von der Gruppe
«Eltern an der Arbeit», nicht bei Überstunden im Büro
oder anschliessend im Pub verhockt werden, sondern eben nach zeitiger Heimkehr
im trauten Kreis. Langes Arbeiten ist ungesund, das weiss man schon lange,
für die Familie verheerend, das zeigen die Scheidungsraten, und eine
zivilisatorische Sünde, das postulierte der Philosoph Bertrand Russel,
nachdem er sich mit seinem mathematischen Werk fast ins Irrenhaus gearbeitet
hatte. Langes Arbeiten führt zu geringerer Produktivität und erhöhter
Unfallgefahr, warnt Lucy Daniels.

Die Briten arbeiten länger als die restlichen Europäer, 28 Prozent
der Männer sagen, sie arbeiteten länger als 48 Wochenstunden,
bei den fleissigen Belgiern sind es nur 4 Prozent. Eine Stichprobe bei meinem
Banker-Freund Alan ergab 50 Stunden im Schnitt. Vielleicht hängt das
schlechte Verhältnis zu den Kindern, das man den Engländern nachsagt,
auch mit der lange Abwesenheit des Erziehers oder der Erzieherin von zu
Hause zusammen. Alan jedenfalls ruft aus: «They treat their childeren
like shit!» Als Amerikaner schwärmt er dann natürlich von
den strahlenden Familien in den Staaten und der Hingabe der Eltern für
ihre Blondschöpfe.

Unsere Diskussion entzündet sich an einem Schild über einem Raum
im Pub: Zutritt für Kinder verboten. Ein Grund ist nicht einzusehen,
weder Glücksspiele noch Pornographie verlocken zur Sünde. Hier
müsse man, so behauptet Alan, zuerst im Restaurant anrufen, ob man
Kinder mitbringen dürfe. Der Hund sei stets willkommen. Das mag jetzt
wohl ein bisschen übertrieben sein, aber etwas ist ja wohl dran. Leider
kenne ich keine englische Familie mit kleinen Kindern, meine Information
stammt aus zweiter Hand. Im Englischkurs ist das Thema jedenfalls Dauerbrenner.
Dass die mehrbesseren Engländer ihre Kinder schon mit acht in Internate
schicken, finden die Südländer schlicht barbarisch.

Ein Artikel im Independent bezeichnet die Gewalt gegen Kinder gar als «Englische
Krankheit». «Es ist fast unmöglich, das Fernsehen einzuschalten,
ohne dass über eine neue kriminelle Tat berichtet wird. In keinem andern
Land geschieht das mit derartiger Regelmässigkeit wie hier.» Die
Autorin ist eine mit einem Engländer verheiratete Italienerin. Der
Massenmord an 16 Schulkindern in Dunblane hat die Diskussion natürlich
angeheizt. Man wusste, so hat die Untersuchung ergeben, dass es in George
Hamiltons Bubenlagern zuging «wie bei der Hitlerjugend». Der Mann,
der das aussagte, er hatte vor drei Jahren seinen Sohn in einem von Hamiltons
Lagern besucht, ist Mitglied des Parlamentes.

Notorisch sind die Berichte über sexuelle Gewalt gegen Kinder in Kinderheimen.
Nachdem dieser Tage wieder ein Skandal geplatzt ist, wollen die Politiker
ein Register einführen und damit verhindern, dass wegen Vergehen gegen
Kinder Verurteilte wieder mit Kindern arbeiten dürfen. Bisher hat man
offenbar keine Kontrollen geführt, siehe Dunblane.

Weniger lang im Büro hocken und sich zuhause mehr um die Familie kümmern
ist ein altes Rezept, schon Gottfried Keller hat es verordnet. Vielleicht
ist es doch nicht das schlechteste. Der Abend ist lau, die Hochhäuser
schimmern im Licht der untergehenden Sonne. Man könnte am längsten
Abend des Jahres ein bisschen spazieren, mit Frau, Kind und Hund hinunter
an die Themse und in einem Pub noch eins zusammen trinken – falls man bedient
wird.

Zurück zu Lond-on-line Verzeichnis