Wieder einmal die Schulbank drücken ist angenehm,
vorn sitzt Michelle Peacock und bietet zwei Stunden Programm. Meist war
es in den letzten Jahren umgekehrt. Ich sass oder stand vorn und das Publikum
lehnte sich zurück. Man versucht dann zu aktivieren, Abwechslung zu
bieten, Einzelarbeit, Zweiergruppe, Halbgruppe, Plenum, Spielerisches und
eher Kopflastiges in guter Mischung. Michelle beherrscht das Repertoire
der Erwachsenenbildung, die zwei Stunden ohne Pause verfliegen fast allzu
rasch. Dabei ist das Ambiente im Klassenzimmer der City University dem Lernklima
absolut nicht förderlich. Ein niedriger Raum, unverputzte, kahle Wände
in schmutzigem Grau, die Bänke unbequem, dicht gedrängt, alles
etwas schäbig, Lärm von der Strasse. Der Inhalt ist weit besser
als die Verpackung.
Ansonsten erinnert vieles an die EB Wolfbach, mein Schicksal während zehn Jahren. Das Programmheft der City University ist ansprechend, nicht gerade so geschleckt wie jenes aus Zürich, die Kurse in «Continuing Education» reichen von Archäologie über Computing bis zum Schreiben von Poesie und Prosa. Und eben, Englisch für Fremdsprachige. Mit 6000 Teilnehmern ist die «EB London» etwa gleich gross wie die EB Wolfbach am Pfauen. Die Kurse allerdings sind im Land der Privatisierung wesentlich günstiger als in Zürich, selbsttragend können sie nicht sein. Am ersten Abend hat Michelle gezählt. Wären wir nicht acht gewesen, hätte sie den Kurs nicht führen können und den Auftrag verloren.
Übers Wochenende habe ich viel mit HansPeter Hauser, dem Leiter der
Wolfbachschule, diskutiert, der mich besucht hat. Er ist ein vehementer
Verfechter der «staatlichen» Erwachsenenbildung. Der Staat – ich
ziehe den Begriff «Öffentliche Hand» vor – sollte die berufliche
Weiterbildung der Erwachsenen nicht aus der Hand geben und aus Spargründen
privatisieren, meint er. Der Druck ist gegenwärtig enorm. Unter dem
Vorwand, der Staat müsse sparen, versuchen private Anbieter von Kursen
die staatlichen Gelder auf ihre Mühlen zu leiten. Jetzt oder nie ist
die Devise, die Konstellation ist günstig, die öffentliche Hand
verschuldet. HansPeter kämpft für seine Schule.
Genau betrachtet sind ja eine EB Wolfbach und eine City Universtity keine
eigentlichen Staatsschulen. Sie stellen eine Struktur zur Verfügung,
in der KursleiterInnen eigene Angebote entwickeln können. Es ist also
Eigeninitiative und Kreativität nötig, der Erwachsenenbildner
ist ein «Micro-Enterpreneur». Die Schulleitung kann trotzdem Linien
festlegen, ein übergreifendes Konzept entwickeln, und so verhindern,
dass Weiterbildung allein von Marktinteressen oder kurzfristigen persönlichen
Vorlieben bestimmt wird.
«Bildung kann man nicht handeln wie Hosen», schleudert HansPeter
den Deregulierern entgegen, die sich durch die Beschäftigung mit dem
Sparen natürlich vor allem den Abbau ihrer eigenen, nutzlosen Beamtenstellen
ersparen. Um abzubauen braucht es bekanntlich keine Ideen, wohl aber um
Neues zu schaffen. Wenn der Staat Bildung nur noch subventioniert – zum
Beispiel über sogenannte Bildungsgutscheine – kann kann er die Qualität
nur noch durch eine kontrollierende Verwaltung sichern. Eine ganz und gar
trübe Perspektive, sie erinnert ein wenig an die Rabattmarken im Krieg.
Die Kurse in permanenter Weiterbildung an der City University sind «accredited»,
das heisst, am Schluss gibt es einen «Credit», falls man an 70
Prozent der Lektionen aktiv teilgenommen und die Übungen und Hausaufgaben
gemacht hat. Für sechs «Credits» bekommt man ein Zertifikat.
Wenn ich bleiben würde, würde ich mir wohl noch eines erwerben,
obwohl ich eigentlich ein Gegner von Papier bin. Inzwischen sehe ich ein,
dass es auch in der Erwachsenenbildung eine gewisse Qualitätssicherung
braucht. Im Kreis sitzen und darüber reden, was man vom Kurs erwartet,
und dann ein Spiel machen, und schliesslich in Gruppenarbeit den Lernvertrag
aufsetzen, das genügt schon nicht mehr.
England hat in den letzten Jahren viel Anteil am Markt des Englischunterrichts
verloren, weil die Kurse von irgendwelchen Leuten ziemlich ad hoc und ohne
jede Fachkenntnis erteilt wurden. Gewonnen haben die USA, Australien und
die Sprachschulen in den Heimatländern, die viel in moderne Lehrmittel,
Methoden und Technologie investiert haben. Mit dem Akkreditierungsplan versucht
England nun, einen Teil des Bildungskuchens zurückzugewinnen. Es geht
ja nicht um nichts: Jedes Jahr besuchen 610’000 Leute England, welche die
Weltsprache lernen wollen und geben 700 Millionen Pound aus.
Wer spart, hat also am Schluss unter dem Strich weniger, als wer investiert.