Polizei sperrt die Cable Street, doch es wird hier nicht mehr gemeinsam eine Schlacht gegen den Faschismus geschlagen wie einst, als der Name dieser Strasse Geschichte machte, hier werden 26’000 Menschen einen einsamen Kampf gegen sich selbst ausfechten, zwei bis drei Stunden lang und über 26 Meilen. London Marathon. Der Morgen ist strahlend klar, die Trauerweiden haben Grün aufgezogen und in den Gärten blühen Bäume und Büsche, Flieder, Forsithien, gnädig versinkt der Müll im Frühlingsflor. Die düsteren Brickblocks strahlen rötlich warm, hell leuchten blaue Balkongitter, hoch im Himmel schnurrt ein Helikopter. Friedlich und freundlich wandern die Menschen zum Fest. London Marathon, «eine Mischung zwischen Notting Hill Karneval und Olympischen Spielen», stand in der Times.
Bauchtragende Männer, füllige Frauen und Buben in weissen Leibchen mit der Aufschrift «Aqua Pura» stellen Kübel mit gelben Schwämmen bereit, der Wind wirft einen Sack voll um, die Schwämme ergiessen sich über den Asphalt. Mit Gummihandschuhen greifen die Helfer nach ihnen, dirigiert von einem «Drinking Station Leader».
Familien mit Campingstühlen, ein indischer Grossvater im weissen Hemd, weisser Kappe, mit der Enkelin an der Hand, die einen himbeerroten Schoppen suckelt und ebenso angezogen ist, ein Dicker mit Cowboyhut, der seinen Video richtet, ein Bobby in Helm und gelber Leuchtjacke, ein Musikant mit einem Instrument am Rücken. «Sind sie schon vorbei?» fragt eine Frau besorgt. Ich beruhige sie, es dauert noch. Die Buben bewerfen sich aus Langeweile mit Schwämmen. Dann kommt Applaus auf. Ein Einbeiniger mit Krücken stakt eilig die Cable Street entlang, offensichtlich auf der Route, Provianttaschen angehängt, ein rotes Schweisstuch auf dem roten Kopf. Heiss brennt die Sonne schon.
Dann endlich: Pilot Car, ein Helikopter wummert tieffliegend heran, Polizeimotorräder bahnen den Weg, irgendwo Blaulicht, ein Werbewagen des Veranstalters Flora, Presse, die Hektik steigt, doch die weisshaarige Dame im Rollstuhl kaut seelenruhig Chips. Dann flitzen Rollstühle vorüber, drei geduckte Gestalten treiben die stromlinienförmigen Fahrgeräte mit den schrägen Rädern, die Köpfe mit den tropfenförmigen Helmen tief gebeugt, die muskulösen Arme zucken wie Pleuel von Dampfmaschinen. Dann eine Frau, sehnig und jede Faser gespannt, so trabt sie daher, die zweite packt einen Schwamm, reibt das Gesicht, giesst sich eine Plastikflasche Wasser über den Kopf, die Flasche fliegt hoch im Bogen weg, weiter, eine Frauengruppe, ein paar grazile Schwarze darunter, wie Gazellen, dazwischen drängen sich Behinderte auf ihren High-Tech Flitzern, Applaus, Rufe, Schreie, die Aqua Sana-Leute stehen stramm und strecken den Läuferinnen Schwämme hin.
Wieder Presse, Motorräder, Presse, dicht steht der Helikopter über der Strasse, ein Ballon steigt in den strahlenden Morgen. Zehn Läufer, deutlich schneller, ein paar schwarze Muskelpakete. Eine Läuferin torkelt, hochrot im Gesicht, hustet, trinkt, weiter. Nun wird das Feld dichter und wie es scheint auch älter und dicker und bärtiger. Die Strasse ist von Flaschen und gelben Schwämmen übersät, die Schuhe der Läufer kratschen auf Plastik, platschen in Wasser, der dichte und unabsehbare Strom wippt rhythmisch auf und ab, die Schritte zischen anfeuernd über den nassen Boden, es ergreift einen die Lust, mitzulaufen, es ist wie ein Sog, eine suggestive Kraft geht von dieser zielbewusst sich dahinkämpfenden Menge aus, man möchte ein Teil werden, ebenso klar und hart und einsam mitlaufen und mitkämpfen und dabei sein und dazu gehören und irgendwann, erschöpft und glücklich, die Mall erreichen, das ferne und heissersehnte Ziel. Den Helfern drohen nun die Schwämme auszugehen, die Sonne brennt schrecklich herab, niemand hat wohl einen solchen Tag erwartet.
Plötzlich sehe ich Heinrich Stüssi, hochgewachsen, weisshaarig, mit eigewilligem Schritt und den Blick in weite Ferne gerichtet. Natürlich ist er es nicht, aber er könnte es sein. Mit 55 hat der Lehrer und Redaktor aus Linthal mit Marathonlaufen begonnen, war sofort bei den ersten in seiner Kategorie, lief die grossen Stadtmarathons, New York, in Berlin siegte er noch mit 70, der nächste seiner Klasse kam 20 Minuten später ins Ziel. Dabei sieht Heinrich Stüssi weder ehrgeizig noch sportlich aus, sondern sehr kultiviert, was er auch ist, Lokalhistoriker, Herausgeber des Neujahrsboten für das Glarner Hinterland, Glarner Kulturpreisträger, ein stiller, feiner Mensch. «Er gleicht einem englischen Landedelmann», sagte ein Freund. Warum er im Alter mit Leistungssport begann, ist schwer zu ergründen. Er versuchte es, er konnte es, es tat im gut. Und es macht Mut, auch ich könnte noch beginnen, denke ich manchmal. Das Warum könnten wohl die wenigsten der 26’000 Läuferinnen und Läufer beantworten, aktiver Sport ist selten eine Sache von Worten. Worte darf ich machen, der Zuschauer. Ich notiere.
Da trabt einer in Frack und Zylinder, ein Engel wippt seine Flügel, eine Tänzerin eilt dahin, ein Bär, eine Sonnenblume hebt die Blüte vom Kopf, um zu trinken, ein Teufel, ein Transvestit, Rotkäppchen, ein Bischof mit Stab, ein Soldat im Helm, ein Sikh mit Turban, der aber vielleicht sogar echt ist, Spiderman sinkt erschöpft gegen ein Geländer, rastet, sein Gesicht ist eh schon rot, echt ist auch ein Offizier, der vor anderthalb Jahren beim Minenentschärfen in Afrika ein Bein und eine Hand verloren hat und schon wieder mitkämpft, mit einer Beinprothese. Ich habe ihn aber nur im Fernsehen gesehen, in der dichten und endlosen Läufermasse kann ich ihn nicht erkennen, so dicht ist der Strom nun, dass er manchmal stockt, im Schrittempo sich durch die Cable Street drängt, endlos. Auf, ab, auf, ab wie ein riesiger Lindwurm, der sich durch die Stadt windet.
Die Schwämme sind längst ausgegangen, verzweifelt greifen sich die Läuferinnen und Läufer schmutzige vom Boden, drücken den letzten Rest Dreckwasser übers heisse Gesicht, der «Drinking Station Leader» steht ratlos herum, bis seine Buben die Iniative ergreifen, Schwämme einsammeln, nass machen, in den Strom hineinreichen, dankbaren Händen entgegen. Gummihandschuhe trägt niemand mehr, von Acqua Sana keine Spur. Dann ergreift einer einen Feuerwehrschlauch und spritzt in den schwitzenden, dampfenden Menschenstrom, freudiges Geschrei antwortet.
Bevor der Läuferstrom endet, biege ich um die Ecke, gehe an einem Pub vorbei, «The Railway arms», im düsteren Dunkel hocken ein paar Männer, an der Tür hängt ein Schild: «Marathon live on TV».
Es war der heisseste der bisher 16 Londoner Marathons, 3000 Läuferinnen und Läufer mussten von der Sanität verarztet werden. Gewonnen hat Liz McColgan aus Dundee, der die Ärzte vor zwei Jahren wegen Knieoperationen das Ende der Läuferinnenkarriere voraussagten. Man laufe ja, so heisst es, mit dem Kopf. Bei den Männern war der Mexikaner Dionicio Ceron zum drittenmal Erster.