Lond-on-line 21.3

Vielleicht bin ich ein Muslim, jedenfalls sagt das die schwarze Dame, welche die Weisshaarige begleitet, die an die Tür geklopft hat. Ob ich an Gott glaube, hat sie gefragt, und wie ich mir Gott denn vorstelle. Und ich habe gesagt: «Gott ist alles, die ganze Erde, Sonne, Mond, das Universum.» Als Muslim hätte ich es jedenfalls nicht weit bis zur nächsten grossen Moschee an der Whitechapel Road. Manchmal webt die Stimme des Muezzin über die Geleisen der U-bahn.
«Finden Sie nicht auch, dass die Welt schlecht ist?» fragte mit die Dame, aus deren weissen fettigen Haaren Schuppen über ihren schäbigen Mantel rieselten. «Die Gewalt überall. Und was man täglich im Fernsehen sieht. Als ich ein Kind war, war es noch schöner.»
«Als Sie ein Kind waren, gab es noch kein Fernsehen», sagte ich.

Sie zeigte mir ein Bild in einem Büchlein, ein grünes Tal mit einem Flüsschen, Wäldern, Kornfeldern, da arbeiten strahlende Menschen auf dem Feld, frisch geduscht und gefönt und picobello gekleidet, glückliche Kinder spielen und glückliche Kühe grasen, kein Schmutzkrümelchen, keine Fabrik, nur Wald und Wasser und Blumen und Getreide und Früchte. Keine Ahnung, wo diese Leute duschen, wo ihre Kleider gewoben, genäht werden, wer die Werkzeuge herstellt, mit denen sie ihre ordentlichen Felder bearbeiten. Bauern sehen anders aus, gebückt und abgearbeitet, die Kleider geflickt.
Aber das Bild stelle das Paradies dar, wie mich die Dame aufklärte, und ihr Büchlein sei sozusagen ein Programm, hier einzugehen, in ebendiese unschuldige Welt, zu den blonden Frauen und den starken Männern mit den Strohhüten und den blauäugigen Mädchen mit dem Mäschlein im Haar. Strohflechterei war, so nebenbei, eine der schlimmsten Manufaktur-Industrieen im letzten Jahrhundert. Aber im Paradies wachsen wahrscheinlich nicht nur die Äpfel an den Bäumen mit den Schlangen, sondern auch die Strohhüte.

«Möchten Sie nicht in so einer Welt leben, anstatt hier», die verhärmte Alte umfasste mit einer ausholenden Geste die Strasse und den Schmutz und sie wies auf meine Gittertür. «Hier müssen sie sich ja einschliessen.»
Wir sprachen durchs Gitter miteinander, eine komische Situation. Ich zeigte auf das Bild: «Wo ich herkomme, sieht es gerade so aus, so grün, schön, paradiesisch.»
«Warum sind Sie denn nicht dort geblieben?» fragte die Dame, und die schwarze Begleiterin fragte: «Wo kommen Sie her?» Aber das gehörte wahrscheinlich nicht zum Programm, denn die Dame schnitt ihr gleich das Wort ab.

«Alle Menschen können es so haben, wie Sie zuhause, wenn sie wollen. Es gibt einen Weg …»
«Wissen Sie, bei mir zuhause sieht es aussen zwar schöner aus. Aber innen ist es gleich wie überall.»
Es waren Zeugen Jehovas, beziehungsweise Zeuginnen, und sie beharrten darauf, den Weg ins Paradies zu kennen, heraus aus dem Schmutz und der Armut und der Gewalt. Es folgte eine kurze Lesung aus der Bibel, ich war ein hoffnungsloser Fall, ich wollte auch ihr Büchlein nicht. Sie überreichten mir ein Traktat: «New World».

Die neue Welt versprechen viele, von der Sekte über die Sozialisten bis zum Internet. Am Abend speisten wir in einem chinesischen Lokal in der Innenstadt, es heisst «New World».

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