Lond-on-line 21.2.

Ein Buch schreiben ist wie einen Berg besteigen, heute
habe ich den Gipfel erreicht. Beinahe jedenfalls, die letzten Korrekturen
sind eingetippt, ein paar kleine Dinge fehlen noch. Doch es hat sich eingestellt,
das Gipfelgefühl, die letzten Sätze las ich, wie wenn ich die
letzten Schritte auf die Spitze des grossen Bockmattliturmes zu mache, nach
der Nordwand. Plötzlich fällt der Schatten von dir, die Schwere
der Wand, Sonne umfängt dich. Du schwebst über der Landschaft,
leicht und leer wie einem dahintreibenden Ballon.

Diesmal habe ich mich durch ein staubiges Archiv gegraben, einen Berg Papier
ohne jede Struktur, ziemlich ungeordnet in Schachteln und Mappen gestopft.
Dann immer wieder vor Ort recherchiert, mit Leuten gesprochen, einige Male
auf den Berg gestiegen, um den es geht, Notizen gemacht. Und Text entworfen,
überarbeitet, gezweifelt, verworfen. Seit ich mit dem Computer schreibe,
hat das Ändern kein Ende mehr. Früher gab es vier Durchgänge:
Zwei Mal Handschrift, dann abtippen, dann nochmals durchkorrigieren. Heute
sind die Durchgänge nicht mehr zu zählen. Und wo immer ich hineinlese,
beginne ich wieder zu ändern, ein Füllwort weg, ein Satz umgebaut,
die vielen «sagt», «vielleicht» und «irgendwo»
getilgt – mit der Suchfunktion zum Schluss. Einmal muss ein Punkt gesetzt
werden, man könnte in der Wand auch jede Stelle zwanzigmal klettern
und noch immer eine elegantere Variante finden.

Es ist mein längstes Buch geworden, über 600’000 Anschläge,
das ist zweidrittel von Handkes «Jahr in der Niemandsbucht», das
als Ziegelstein mit tausend Seiten in den Buchhandlungen liegt, dickes Papier,
locker bedruckt. Meines wird bescheiden daherkommen, ich bin ja nicht Handke,
muss nicht mehr scheinen, als ich bin. Der Kilchenstock hat Geschichte gemacht
und mir seine Geschichte doch nicht pfannenfertig geliefert. Eine Katastrophe,
die schliesslich nur in den Köpfen stattgefunden hat. Heute, als ich
die letzen Sätze las, habe ich ein paar Tränen vergossen. Wie
auf einem Gipfel eben, den man niemals mehr zu erreichen geglaubt hat.

Währenddessen findet die reale Katastrophe vor der walisischen Küste
statt, wo der Supertanker Brent Spar noch immer auf einem Riff hängt,
70’000 Tonnen Rohöl sind schon ins Meer geflossen. Soll man sich mit
Vergangenem beschäftigen, wenn die die Gegenwart dringend Antworten
verlangt? Die Frage ist müssig, denn irgendwann habe ich entschieden,
dass die Geschichte vom Kilchenstock etwas zu tun habe mit der Gegenwart,
mit dem Glauben an Experten und ihre Katastrophenszenarien, ich habe mich
auf den Weg gemacht, unersteigbar hoch türmte sich der Berg. Die Frage
«warum schreibst Du das und nicht etwas anderes?» ist so müssig
wie die Frage «warum steigst Du auf Berge?» Auch Schreiben ist
ein Weg, wie Ludwig Hohl für das Bergsteigen sagte, «um dem Gefängnis
zu entrinnen».

Jetzt blicke ich ins Leere. Morgen kommt Chris, das ist mein Glück.
So muss ich nicht an die Wand starren, mir überlegen, wie weiter. Irgendwann
werde ich dann auch den Abstieg unter die Schuhe nehmen: Lektorat, nochmals
Korrekturen, Fahnen lesen, dann Lesungen, Lesungen, Lesungen. Und dann wird
nur alles noch Erinnerung sein, wie die Wand und wie der letzte Schritt
auf den Gipfel des Bockmattliturmes. Das Buch wird in ein paar Gestellen
verstauben, und ich werde auch Staub sein.

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