Lond-on-line 20.6.

Die Kommunikationsarbeiter streiken, zu viert stehen sie
vor einem bunten Transparent, zwei Schwarze, zwei Weisse. Zwei Damen bringen
gerade Kaffee und Pappbecher, der Morgen ist kühl, man muss aufwärmen.
Ein fünfter Mann steht auf dem Gehsteig und verteilt Flugblätter,
Format A5. Die Postangestellten haben für einen Tag die Arbeit niedergelegt,
sie verlangen die Fünftagewoche und mehr Ferien, da sie länger
arbeiten als ihre Kolleginnen und Kollegen in den europäischen Ländern,
obwohl die Produktivität gestiegen ist. Mit der gleichen Zahl von Mitarbeitern
liefern sie 60 Prozent mehr Post als 1980. Grad nach Klassenkampf klingen
ihre Forderungen nicht, und auch die bierbäuchigen Männer, die
da etwas verloren vor dem Postbüro im täglichen Getriebe stehen,
wirken nicht wie kämpferische Marxisten. Wahrscheinlich interessiert
sie die Fussball Europameisterschaft denn doch mehr als die politische Ökonomie.
Im Postbüro drinnen sind die Schalter geöffnet, da steht die übliche
stumme Schlange der Wartenden, offenbar sind nicht alle Pösteler in
der «Communication Workers Union» organisiert.

Die neue Technologie, so steht auf dem Blättchen, hätten sie akzeptiert.
Denn der Streik werde nur, so die Meinung der Verwaltung von Royal Mail,
die Konkurrenz zwischen der Papierpost und den elektronischen Transportmitteln
verschärfen. Nach dem letzten Streik vor zehn Jahren setzte ein eigentlicher
Faxboom ein, trotzdem, man glaubt es kaum, ist die Zahl der beförderten
Briefe noch um die Hälfte gestiegen. Ein Zehntel privat, der Rest geschäftlicher
Lauf und Leerlauf.
Ich selber, ich geb’s zu, schicke kaum mehr Briefe. Fax ist billiger und
blitzschnell und nicht weniger persönlich, ein Brief in die Schweiz
braucht zwanzig Mal länger als ein reisender Mensch, das ist kein Zustand
mehr, viel zu langsam selbst für einen Liebesbrief. Der Kundenservice,
wenn ich als Fremder nun einmal kritisieren darf, ist schlicht letztes Jahrhundert.
Man wartet in der Schlange, bis man drankommt. Dann aber bitte erst zum
freien Schalter eilen, wenn die Glocke erklingt. Die Anzahl der besetzten
Schalter steht nun in keinem rationalen Verhältnis zu der Länge
der Warteschlange, wahrscheinlich ist sie streng durch den Arbeitsplan und
die Znünipause geregelt. Klar, das Land hat eine Königin, die
Kundin oder der Kunde ist folglich Untertan. Nebst der Freundlichkeit hält
sich auch die Fachkompetenz der königlichen Beamtinnen und Beamten
in engen Grenzen. «Switzerland» gehört nicht zur Grundausbildung,
geschweige denn der Tarif für einen gewöhnlichen Brief in jenes
unbekannte Land.

«Während der vergangenen 20 Jahre ist nur eines gleich geblieben:
Tiefe Moral, lange Arbeitszeit und tiefe Grundlöhne», gibt selbst
die Gewerkschaft zu. Frage ist nur: War zuerst das Huhn oder das Ei, der
tiefe Lohn oder die tiefe Moral? Wahrscheinlich gibt es keine Antwort. Klar
ist nur: etwas muss ändern.

«Die Gewerkschaft will die Arbeitsplätze sichern, doch der Streik
untergräbt lediglich das Vertrauen des Publikums in den Service»,
ist die Meinung des Postmanagements. Es glaubt, dass der Streik lediglich
die elektronische Post und das Internet aufwerten werde, nicht die soziale
Stellung der armen Pösteler. Wenn man sie so dastehen sieht, wie bestellt
und nicht abgeholt, ist man geneigt, den Bossen Glauben zu schenken. Übrigens
versucht Royal Mail Papier und elektronische Post zu verheiraten. Man kann
ein E-mail senden an Leute ohne Computer, die Post druckt den Brief und
liefert ihn ab. Eine hervorragende Idee, wenn sie schnell und zuverlässig
funktioniert. Nach der Kritik also auch noch ein Lob der königlichen
Post.

Natürlich habe ich zu den Leuten gehört, die beim Wort «Streik»
einst in Ehrfurcht erschauerten, und habe gar ein Buch geschrieben über
den ersten grossen Streik in der Schweiz, «Die Fabrikglocke».
Das war 1837, die Arbeiterinnen und Arbeiter erlebten sich erstmals als
Masse mit gleichförmiger Arbeit, mit gleich üblen Bedingungen,
und sie erlebten erstmals, dass ihre einzige Waffe gegen die Ausbeutung
ihre Masse war, die massenhafte, solidarische Verweigerung der Arbeit. Vor
zehn Jahren fochten die Drucker der Times in London ihr letztes Gefecht
– sie waren schlicht überflüssig geworden. Die komplexe moderne
Gesellschaft, die den Massenarbeiter nicht mehr kennt, verlangt wohl andere
Antworten, um die Bedingungen der Arbeitenden zu verbessern. Auch die Briefträger
könnten schneller überflüssig werden, als sie glauben. Ein
Programm, wie sie mit der Zeit gehen könnten, ohne zu verlieren, habe
ich leider auch nicht in der Tasche.

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