Lond-on-line 20.5.

Verzweifelt und wütend starre ich auf den Fax, nichts!
Der Computer ist für heute versprochen, letzter Termin, schon bald
vier Wochen sind verstrichen, seit ich ihn in die Reparatur gegeben habe.
Nun werde ich von Tag zu Tag vertröstet, die Ersatzteile fehlen. Ich
kann nicht arbeiten, die Computerkolumne für die Weltwoche habe ich
zum ersten Mal in elf Jahren von Hand getippt, auf einer Speicherschreibmaschine
mit englischer Tastatur, ohne Umlaute, habe mühselig Zeilen und Zeichen
gezählt. Andere Arbeit staut sich an. Und das Tagebuch schreibe ich
von Hand, mit schwindender Lust. All diese Blätter abtippen, nachträglich,
das macht irgendwie keinen Spass mehr. Es ist nicht mehr on-line, die Idee
gestorben, die Magie dahin, die Illusion, der Welt zu erzählen, wie
es mir jetzt gerade geht. Beschissen! möchte ich schreien, doch niemand
hört mich.

Da sitze ich, verbringe meine Tage irgendwie, warte, rufe an, starre auf
die Faxmaschine. Klettern mit Alan, Besuch von HansPeter, meinem ehemaligen
Schulleiter an derEB Wolfbach,
Sigthseeing, Ablenkung, ist ja alles schön.

Niemals hätte ich gedacht, dass ich derart unter dem Fehlen des Computers
leiden würde. Nach der Depression überfällt mich wieder die
Wut auf den Hersteller, auf den Schrott, den er mir geliefert hat, und von
dem ich so abhängig bin, meine Begeisterung für Apple ist endgültig
dahin. Als ich aus der DOS-Welt zu Apple wechselte, schrieb ich, aus MacSaulus
sei nun ein MacPaulus geworden. Nun hat auch Paulus seinen Glauben verloren.

Telefon zum Reparateur. Heute war der allerletzte versprochene Termin. Doch
er wartet noch immer auf das Gehäuse.
«Ich kann seit vier Wochen nicht mehr arbeiten», schreie ich verzweifelt
in den Apparat.
«I’m sorry. Morgen werde ich Apple anrufen.»
«Ich habe gehört, es sei ein Materialfehler, man rufe die Gehäuse
weltweit zurück. Vielleicht haben sie darum keinen Ersatz.»
«I’m sorry. Davon wissen wir nichts.»
«Können Sie das Gerät nicht provisorisch in Stand stellen,
damit ich wenigstens arbeiten kann?»
«I’m sorry. Wir mussten das Gehäuse einschicken. Damit Apple prüfen
kann, ob der Schaden auf Garantie geht.»
«Verdammt nochmal, ich weiss, dass Apple alle Gehäuse ersetzt,
es ist ihr Fehler.»
«I’m sorry…»

Eine Anfrage für einen Vortrag über Internet beantworte ich von
Hand und komme mir lächerlich vor dabei. Hätte ich von Anfang
an gewusst, dass die Reparatur so lange dauert, dann hätte ich mich
um ein Ersatzgerät bemüht oder mit dem defekten Bildschirm weitergewurstelt.
Ein treuer Leser meines Tagebuchs hat schon längst zuhause angerufen
und gefragt, ob ich abgestürzt sei. Ich gelte überall als verschollen,
hat HansPeter gesagt.

Und immer wieder vergleiche ich meine Situation mit jener vor 16 Jahren
in Italien. Damals schrieb ich auf einer einfachen elektrischen Schreibmaschine,
war dabei äusserst produktiv, ein Hörspiel, ein Bilderbuch, ein
Kinderbuch, anderthalb Romane, Kurzgeschichten und Artikel in einem Jahr.
Ohne Computer, wohlgemerkt. Das Hörspiel schrieb ich ich sogar von
Hand, das Radio akzteptierte das Manuskript. Tempi passati, heute will jede
Schülerzeitung eine Diskette. Jetzt habe ich den Eindruck, ich beschäftige
mich nur noch mit Geräten, HTML-Code, Übertragungsprotokollen
und und Einstellparametern. Die Zukunft erscheint mir als Sackgasse – wohin
soll denn das alles führen? Zur Technik ohne Inhalt wahrscheinlich.

Chris schlägt vor: «Schreib doch einen Roman von einem, der sich
plötzlich aus dem Netz verabschiedet und als verschollen gilt.»
Warum nicht? Das wäre dann wenigstens ein produktives Resultat des
Desasters. Der Zusammenbruch der Maschinerie, das Verabschieden des Menschen
aus der Datenwelt habe ich ja eigentlich schon zur Genüge thematisiert.
Die Unentrinnbarkeit wäre wohl das Thema von heute. Internet ist schon
so stark Teil meiner Lebenswelt, dass ich mich jetzt von aller Welt verlassen
fühle.

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