Lond-on-line 20.2

Das Café ist der Mutterleib, Cappuccino, Quarktorte
mit Erdbeeren, eine Bar aus Mahagoni, Spiegel hinter Martini und Dry Gin
und auch im Rücken, so dass man sich auf dem Hocker sitzen sieht und
gleichzeitig die blonde Kellnerin und die Vitrine mit den zwei Dutzend Kuchensorten
und die andern Gäste, weisshaarige Ladies auf Wienerstühlen oder
Touristenpärchen, hingegossen auf den gepolsterte Bänken an der
Wand. Hier im Lande des Tees gibt es noch die Cimbali mit Kolben, die Maschine,
die den besten Kaffee der Welt gemacht hat, bevor sie die Rationalisierung
auf den Schrott brachte und es nur noch die Einheitsbrühe aus dem Automaten
gibt, überall gleich, ob Cimbali oder Gaggia draufsteht, ob im Gran
Café oder in der Migros. Hier ist Arbeitskraft noch wohlfeil, die
Automatisierung hat noch nicht gegriffen, die Quittungen werden noch auf
eine Nadel gespiesst, der Chef kann sich offensichtlich einen ganzen Schwarm
netter Girls leisten, die ohne Stress den Ansturm bewältigen, er kann
es sich auch leisten, der oder jener im Vorbeigehen den Arm zu berühren
oder die Taille oder vielleicht noch Intimeres, er ist wahrscheinlich Libanese,
das schreibe ich jetzt ohne jeden Anflug von Rassismus. Die Stimmung jedenfalls
ist grosszügig und als mich die füllige blonde Kellnerin beim
Bezahlen ebenfalls am Arm berührt, sehr freundlich und nah, da durchschauert
mich das zart Erotische, das eben auch zum Café gehört. Das
Trinkgeld klingelt auf dem Tellerchen, und ich werde freundlichst verabschiedet
und das mitten in der Weltstadt London, 22 Great Marlborough Street, Soho,
das Café heisst «Libre».

Es besteht jetzt akute Suchtgefahr, schon einmal waren wir süchtig
nach einem Café, nach dem Gässli in Glarus, ebenfalls eine Cimbali
Kolbenmaschine, bis das schönste Café der Schweiz schloss. Wir
bekamen noch einen Marmortisch. Jetzt muss man halt nach London fahren,
es gibt sonst schlicht keinen Ersatz. Denn ein Café darf weder eine
Beiz sein, veraucht und verrülpst, es darf auch nicht dieser Milchkaffee-Plüsch
sein, der im Dunstkreis von Konditoreien um sich greift, ein Café
muss Charakter haben. Also die Tischchen und die Bar etwas abgewetzt, aber
nicht schmuddlig, ein Strohblumenstrauss darf schon irgendwo stehen, aber
der Kitsch soll sich im Rahmen halten. Bitte keine Kupferkessel oder gar
Wagenräder. Ja, ja, Musik darf klimpern, aber nicht zu laut. Im Libre
ist sie vielleicht eine Spur zu laut. Die Girls, also wenn man sie von nahe
betrachtet, und das kann ich ja, weil ich an der Bar sitze, vielleicht eine
Spur zu schmuddelig, die weissen Oberteile sind halt heikel und ich verzeihe,
die Girls arbeiten tüchtig. Es gibt jedoch eine Bedingung, die ein
Café unbedingt erfüllen muss, und die ist gar nicht mehr selbstverständlich
heutzutage, siehe oben: Der Café muss gut sein. (Heinz sagt allerdings,
er habe einen besseren gefunden, Café Uno, ebenfalls Soho.)

Die Sucht, und das habe ich mehrmals schon beschrieben, hat die Wurzel in
der Jugend (wie vielleicht alle Süchte), es ist die Mutter, die jeden
Samstag nach der Fabrik, so gegen vier am Nachmittag, Kaffee machte und
dazu gab es Patisserie, Zwanzigerstücklein sagten wir damals. Dieser
Duft, der durch die Küche zieht, Mutter und Vater und wir zwei Kinder
am Tisch, die Entspannung nach dem Arbeitsstress der Woche, Schichtarbeit,
sechs Tage, die Vorfreude auf den Sonntag, das alles schwingt im Unterbewusstsein
mit, wenn ich im Café sitze, Kuchen esse. Es ist also die ewige Suche
nach der Mutter, die mich überall auf der Welt ins Café treibt,
wo ich dann sitze, Kaffee trinke, an irgend etwas denke, einfach so. Das
wahre Glück ist sehr klein.

Zurück zu Lond-on-line Verzeichnis