Clarice Pears ist die viertreichste Dame Englands, das
Vermögen der 62jährigen beträgt 200 Millionen Pfund. Wohnort:
eine Villa in Hampstead – nah am Grab von Karl Marx, wie wir wissen. Wenn
die Mieter eines zerfallenden Wohnblocks in Hackney, der zum Pears-Imperium
gehört, duschen wollen, müssen sie den Bus nehmen und zu Verwandten
fahren. Die Wohnungen haben weder Dusche noch Bad, die Abwasserleitungen
sind leck, die Jauche läuft in den Garten, die Fenster sind teils zerbrochen,
die Rahmen kaputt, die Fassade bröckelt. Der Eduardanische Wohnblock
ist nach Meinung der Behörden nicht mehr zu reparieren. Einem 80jährigen
Pensionierten, der in den Graham Mansions wohnt, hat die betuchte Lady den
Mietzins nun von 125 auf 500 Pound monatlich erhöht, nein, natürlich
nicht sie selbst, sondern die St. Ermins Property, bei der sie hundert Prozent
der Aktien hält, und deren vier Direktoren je 350’000 im Jahr garnieren.
Die letzte Mieterhöhung liegt zwei Jahre zurück, das ist offenbar
das einzige, was die Besitzer an dem Haus machen.
«Wie kann man mit den Löhnen hier leben?» habe ich gestern
eine Lehrerin gefragt. Sie hat den Masters Degree und verdient gerade 18’000
Pound im Jahr.
«Eigentlich gar nicht», hat sie gesagt. «London ist für
uns zu teuer. Wir Londoner leiden, dass wir hier wohnen dürfen.»
Clarice Pears und ihre Direktoren leiden jedenfalls nicht.
Freund Alan dagegen leidet auch. Seine Einzimmerwohnung, möbliert und
im gediegenen Kensington gelegen, kostet 250 Pound die Woche, kein Pappenstiel.
Aber auch er und seine Frau müssen in der Turnhalle duschen, der Besitzer,
ein Amerikaner, der nie erreichbar ist, weil stets auf Reisen, hat eine
Dusche versprochen, geschehen ist noch nichts. Alan kann sich wenigstens
erlauben, die Miete nicht zu bezahlen, bis die Dusche installiert ist.
Trotzdem liest man gegenwärtig vom Immobilienmarkt nur Gutes: Die Hypozinse
fallen, die Hauspreise ziehen wieder an. Gut für die Reichen, schlecht
für die Armen. Die Regierung freut’s. Die «Toffs» treffen
sich heute zur Feier ihrer selbst zu den Pferderennen von Royal Ascot, auf
der Tribühne die Queen. Clarice Pears ist ohne Zweifel dabei.