Lond-on-line 19.5.

Wie Heuschrecken fallen die Touristen über die Stadt her,
fressen buchstäblich alles kahl, drängen in Knäueln vor allen
Schaltern, strömen durch die Schächte, Gassen, mit Rucksäcklein
am Rücken oder Geldbörsen am Gürtel, Stadtplan in der Hand,
Kopfbedeckung, festem Schuhwerk und Regenschutz. Natürlich bin ich
auch ein Tourist, und will doch keiner sein, wie kein Tourist einer sein
will, sondern etwas Besonderes, ein Pionier, der eben Piccadilly Circus
entdeckt hat und sich nun fühlt wie Admudsen auf dem Südpol.

Es treibt die Menschen wohl derselbe Trieb in die Stadt, wie in den Stau
auf der Autobahn, der so lästig ist und doch anziehend wie ein Magnet:
Man muss dabei gewesen sein. Was kann denn schon so schön sein am Autobahnstau
oder am Gedränge in der U-bahn oder auf der Tower Bridge? Man war da,
that’s it. Der heutige Mensch ist schon überall gewesen, und er frisst
alles, wie die Heuschrecke, und zurück bleibt der Abfall und das Nichts.
Tourismus verdirbt und korrumpiert, man weiss, und doch kurbeln die Behörden
allüberall den Tourismus an, man lockt die Massen herbei, die früheren
Todfeinde, die man eigentlich zum Teufel wünscht, aber erst, wenn sie
den Eintritt und das Hotel bezahlt haben. Die zwanzig Millionen Fremden
geben mehrere Milliarden Pound aus im Jahr, der Gentleman kassiert und schweigt.

Natürlich kennen die Touristen die Stadt am besten von allen. Sie müssen
schliesslich die Sehenswürdigkeiten, die historischen Gebäude,
die Parks und Museen in ein paar Tagen einziehen, das verlangt Vorbereitung
und optimales Abarbeiten des Plans. Schon wenn man sich für ein halbes
Jahr einrichtet wie ich, schiebt man vieles auf die lange Bank. Ja, in die
Westminster Abbey kann man ja dann immer noch mal an einem Regentag. Natürlich
geht man nie. Der bewusste Tourist verschafft sich jedoch zuerst einen Überblick
durch eine Stadtrundfahrt. Dann stürzt er sich auf die Details, die
Tate Gallery hat er schon zuhause gebucht.

Am wenigsten kennen die Londoner ihr Dear old London, aber das ist ja auch
überall so. Ein rechter Zürcher kennt alle Grossststädte
der Welt, nur in Schlieren war er noch nie und in den Kreis 5 geht er prinzipiell
nicht mehr. Da erzählte ich einem Kollegen, der hier aufgewachsen ist,
dass ich oft am Regents Canal velofahre. «Wo ist das?» fragte
er zurück. In den Docklands gibt es eine Cotton Street, benannt nach
einen Vorfahren meines Sprachlehrers, der die West India Docks baute. Mr
Cotton war aber noch nie in den Docklands.

Eine West-Enderin behauptete, im East End lebten die Menschen in Slums.
Ich protestierte. «Es gibt wirklich arme Viertel, aber Slums kann man
dem nicht sagen!»
«Doch, ich weiss es!»
«Ich lebe doch seit Monaten im East End und kenne jeden Winkel.»

Die Dame war noch nie da, aber sie weiss es besser, obwohl die Fernsehserie
«East Ender» versucht, den Briten beizubringen, dass Jack the
Ripper schon eine Weile tot ist und hier gewöhnliche Menschen ruhig
und anständig leben.
«Zwischen den vom Zweiten Weltkrieg übriggebliebenen Trümmern
im East End hausen heute überwiegend Bengalis und Pakistanis»,
steht in einem vorwiegend von Londonern verfassten Stadführer, nebst
noch viel gröberem Unsinn. Das Büchlein ist in einem Zürcher
Verlag erschienen, dessen Name ich barmherzig verschweige. Titel: London,
selbst entdecken. Das ist doch sehr zu empfehlen, ob als Tourist, Halbtourist
oder als Local.


Sehr empfehlen kann ich dagegen den London-Führer von Merian. Verfasst
hat ihn Heidede Carstens, eine deutsche Journalistin, die seit 1971 hier
lebt.

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