Lond-on-line 19.4.

Mardi Gra verpackt seine Bomben liebevoll in Geschenkpapier, 25 Mal hat er zugeschlagen in den vergangenen 18 Monaten, gegen Angestellte und Filialen der Barclays Bank, eine Person wurde bisher verletzt. Nun hat Mardi Gra angedroht, auch Kunden aufs Korn zu nehmen, mit tödlicherem Stoff. Ich verkehre auf der Lloyds Bank und atme auf. Mardi Gras Forderungen sind unklar, «eine beliebige Summe Geld». Man vermutet einen unzufriedenen Kunden oder einen von tausenden von entlassenen Mitarbeitern. Die Rationalisierung schlägt zurück.

London hat nebst der IRA nun auch seinen «Unabomber». So nannte sich der frühere Mathematikprofessor Theodore Kaczynski, der eben in den USA verhaftet worden ist unter dem Verdacht, eine jahrelange Briefbombenkampagne geführt zu haben, 16 Anschläge, 23 Verwundete, 3 Tote. Wieder einmal ist die Statistik der Opfer das Gewisseste an allem. Die fünfte Bombe der IRA seit dem Ende des Waffenstillstandes ist letzte Nacht im West End hochgegangen, das ist gerade noch eine Spalte wert in der Zeitung, welche voll ist von schrecklichen Bildern aus dem Südlibanon, 101 Opfer beim Beschuss von Flüchtlingen durch die israelische Armee, vor allem Frauen und Kinder.

Könnte es mich treffen? ist die reflexartige Frage, die uns stets durch den Kopf schiesst, wenn wir die täglichen Schreckensmeldungen zur Kenntnis nehmen. Die IRA kann hier jederzeit und überall zuschlagen, das hat sie bewiesen, ein Kunde von Barclays bin ich nicht, Südlibanon ist weit, der Unabomber verhaftet, nach Sarajewo bin ich auch nie gegangen, obwohl Besuche dort eine zeitlang schick waren. Die paar Bömbchen in London verteilen sich auf viele Menschen, kein Grund zur Panik also.

Weit von allem Schrecken der Welt war auch Oklahoma City, heute ist Jahrestag der Bombe, welche in einem Bürohaus der Regierung 168 Menschen tötete und 600 verwundete. Der moderne Krieg kennt keine Front mehr und hat weder Anfang noch Ende, er ist immer und überall und meist sind seine Opfer Unschuldige. Wobei die Frage nach Schuld und Unschuld auch nie so klar ist wie die Statistik. Manches Opfer hat vielleicht auch Hass gesät und mancher Täter ist selber nur Opfer.

Alle Strukturen zerfallen, die Welt ist nicht mehr zweigeteilt in Gut und Böse durch einen eisernen Vorhang. Selbst das Weihnachtsgeschenk könnte von Mardi Gra sein, ein einsamer Mann zwischen 30 und 50, der Rache nimmt, vermutet Scottland Yard. Warum und wozu weiss man nicht, vielleicht auch einfach so. (Gerade eben, als ich diese Zeilen überarbeite, kommt im Radio die Meldung, im West End sei eine Bombe hochgegangen, die IRA wird ausgeschlossen und weil es in der Nähe einer Barclays Filiale knallte, vermutet man Mardi Gra. Drei Menschen sind verletzt.)

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