Mit dem Velo bin ich in zwanzig Minuten in der Mitte der Welt, dass ich dort vier Japanerinnen antreffe, die sich gerade fotografieren lassen, zwei links des Nullmeridians, zwei rechts, das wundert wohl niemanden. Man fragt sich nur: Gehört Japan zum Osten oder zum Westen? Die Schweiz jedenfalls, so lerne ich vor dem Old Royal Observatoy in Greenwich, liegt im Osten, nicht im Westen wie wir meinen, und die Mitte der Welt, Le milieu du monde auch nicht im Wadtland, wie uns unser Nationalfilmer Alain Tanner in einem schmalzig traurigen Streifen beliebt machen wollte.
Die Mitte der Welt, so hat eine internationale Konferenz im Jahr 1884 beschlossen, ist Greenwich, wo auch «The Shepherd Clock» hängt, welche lange Zeit Greenwichzeit als Standard anzeigte. Normen überhaupt so weit das Auge blickt: die Rote Kugel auf einem Turm war das erste optische Zeitsignal, nach dem die Schiffe auf der Themse ihre Chronometer richten konnten: Punkt 13 Uhr fällt die Kugel. An einer Wand ist die Normhöhe über Meer eingegraben: 154.70 feet, so hoch ist der Hügel, von dem der Blick wundervoll über Parks und die Themse auf die Docklands im Dunst fällt, Kraftwerke, Kranen, Lagerhäuser, Tanks, Gaskessel, fast im Grau versunken schon der Turm von Canary Wharf. An der Wand hängen auch Normmasse: Yard, Foot, Inch, 1866 standardisiert und 1995 ausser Kraft gesetzt. Jetzt gelten auch in UK die metrischen Masse, nur das Bier darf noch in Pints ausgeschenkt werden.
Wenn der Hobby-Industriearchäologe all diese Daten liest, hebt er sofort den Zeigefinger und macht: «Aha!» Auch wenn aus der Masse der internationalen Schulreisen, die heute Greenwich heimsuchen, niemand zuhört. Aha, Zeit und Norm, das waren doch die Grundlagen der industriellen Rationalisierung, welche eben gerade in jenen 1830er Jahren einsetzte, 1837 streikten doch die Glarner Stoffdrucker gegen die Einführung der Zeit, er erzählt davon im Roman «Die Fabrikglocke». Zeit und Norm ermöglichen Planung, Kontrolle, Austauschbarkeit und Gleichzeitigkeit. Alles kein Zufall und Greenwich die Wiege, auch der Ort ist kein Zufall. London war damals wirklich das Zentrum.
Der Zeigefinger ist übrigens schwarz, denn die Reise in die Mitte der Welt habe ich mit einem alten englischen Velogöppel unternommen, in der Fussgängerröhre, die von den Docks unter der Themse durch nach Greenwich führt, eng und beängstigend und videoüberwacht, ist die Kette zum ersten Mal von Zahnrad gesprungen. Auch die alte Technik, so ist die Lehre, hatte ihre Tücken.