Noch eine Bombe, und wieder trifft sie ein Symbol. Gestern
nacht ist in Aldwych im West End ein Bus der Linie 171 hochgegangen, einer
der roten zweistöckigen Londonerbusse, eines der Wahrzeichen der Stadt.
Ein Toter, mehrere Verletzte. Wieder die IRA, Gerry Adams, Sinn Fein Boss,
der zwischen den Militanten und den an einer politischen Lösung Interessierten
laviert, mag nicht verurteilen, er spräche sonst sein eigenes Urteil.
Es ist eine Position, um die ihn wohl niemand beneidet. Die Stadt ist jetzt
sozusagen im Alarmzustand.
Angst? Nö. Es stellt sich, wie bei der letzten Explosion, das kribbelige
Gefühl ein, ein bisschen dabeizusein, wo Geschichte geschieht. So wie
die Kriege weltweit auch ihre Anziehungskraft haben, nach Sarajewo ist ja
alles gepilgert, vom Schriftsteller bis zum Popstar, nur der Papst liess
absagen. Es ist in der weltweit vernetzten Gesellschaft nicht anders als
früher im Dorf, wenn etwas passierte: Alles rannte hin. Die modernen
Gaffer haben natürlich stets vornehme Aufgaben.
Obwohl das innert zehn Tagen die dritte Bombe war – eine wurde noch
gefunden, bevor sie explodierte – ist Gefahr objektiv gering, statistisch
betrachtet dürfen wir zurücklehnen. Sie ist viel kleiner als jene,
von einem Auto überfahren zu werden, das ist eine reale Bedrohung.
Denn der Verkehr ist rücksichtslos, es würde keinem Autofahrer
einfallen, den Fuss von der Bremse zu nehmen, wenn sich etwa ein Fussgänger
auf einem Streifen befindet und nicht gerade grün ist. Hier hört
die britische Toleranz offenbar auf. Dazu kommt das Problem links/rechts.
Wir Kontinentler schauen instinktiv auf die falsche Seite, in der City hat
es deshalb überall Pfeile am Boden: look left, look right.
In den schlimmsten Zeiten des Bürgerkriegs in Nordirland habe der Verkehr
immer noch mehr Opfer gefordert, als der Terrorismus, habe ich einmal gelesen.
Der Terror, so haben wir die Hoffnung, könnte ja einmal wirklich ein
Ende haben. Bürgerkriege dauern in der Regel lang, doch der Verkehr
dauert ewig, es besteht also kaum Hoffnung auf eine Besserung, also hilft
nur Verdrängen. Verdrängen wir also die 100’000 jährlichen
Verkehrsopfer in Europa. Zynisch gesagt: Gut, gibt es Bomben, so können
wir unsere Angst an einer Gefahr festmachen, die uns real ja eigentlich
nicht so unmittelbar bedroht.
Die Bombe lenkt auch wieder etwas ab von der Zeitbombe, die vor der Küste
von Wales im Meer schlingert: der Supertanker Sea Empress, gestrandet und
ausser Kontrolle, 147’000 Tonnen Öl, die langsam ins Meer filessen,
eine halbe Meile von einem Nationalpark entfernt.
Eine Wirklichkeit, so würde Heinz vielleicht jetzt sagen, gibt es ohnehin
nicht, sie wird durch Medien gemacht, ebenso wie die Angst. «Was warten
wir auf den Tod», hat eine Poetin gestern gelesen. «vielleicht
trifft er uns heute.» Zwei Stunden später knallte es ein paar
hundert Meter entfernt.