Marianna aus Vukovar weiss nichts von Kriegsverbrechen,
das Bauernmädchen aus Ostslawonien findet, die Kriminalität bei
ihr zu Hause sei nicht besonders hoch. Der Krieg, ja, das ist etwas anderes.
Vielleicht ein bisschen mehr Drogenhandel als früher. Das Dorf, wo
ihre Eltern wohnen, ist noch immer von den Serben besetzt. Alpträume?
Nein, nie gehabt. Gesund und frisch gekämmt strahlt sie mich an, während
wir uns gemäss der Anleitung der Englischlehrerin in der Zweiergruppe
unterhalten. Eigentlich hat sie eine Hotelfachschule besuchen wollen, aber
dann kam eben der Krieg. Ihre Eltern haben sie nach London geschickt, jetzt
lebt sie hier seit bald zwei Jahren als ewiges Au-pair, gegenwärtig
gerade bei der dritten Familie in Hackney. Sie lächelt. Ja, Hackney
ist nicht gerade das Quartier, wo die Leute Au-pair-Girls haben. Fleissig
ist Marianna, schreibt brav auf und lernt die Vokabeln und kann die Regeln.
«Aber Kroatisch ist halt schon viel schöner als Englisch»,
schwärmt sie einmal. «Da kann man sich einfach viel besser ausdrücken.»
Die Weltgeschichte trifft sich im Klassenzimmer. Eye sagt, an England gefalle
ihm nur eines: Es sei hier sicherer als in seiner Heimat. Alles andere ist
dort schöner. Aber mit sechzehn, da habe er alles verloren, wirklich
alles. Ungläubig schaut ihn die Lehrerin an. Eye lacht schallend. «Ja,
wirklich alles habe ich verloren, alles, alles…» Er lacht eigentlich
immer, wenn er nicht gerade den Kopf auf die Bank stützt und schläft.
Er ist Tamile, nach dem Kurs muss er dann gleich zur Arbeit, nachts räumt
er bei Tesco im Supermarkt Gestelle ein, zu 6 Pound 50, das ist ein stolzer
Lohn. Freizeit? Manchmal im Park spazieren. Tagsüber schläft er
sonst. Und: er hat vor kurzem geheiratet, der Glückspilz.
Mitsuko, die Japanerin, ist selten im Kurs. Hat immer viel zu tun bei der
Company. Dass ich aus «Switzerland» komme, hat sie nicht geglaubt.
Hat immer wieder gelacht, den Kopf geschüttelt. «Switzerland…»
Warum habe ich nicht begriffen, vielleicht sollte ich ein Sennenkäpplein
tragen.
Ennaiat ist ebenfalls Flüchtling, Iraner, mit einer Französin
verheiratet, deshalb muss er Englisch im Kurs lernen. Denn mit den Londonern,
das ist nun die gemeinsame Erfahrung, ist es halt schon schwierig, ins Gespräch
zu kommen, geschweige denn in engeren Kontakt. Kontakt hat unsere kleine
Internationale, zu der noch zwei italienische Studenten und ein spanischer
Ingenieur gehören, auch nur im Unterricht. Aber durch die wenigen Sätze,
welche wir fleissig gemäss vorgegebenen Themen und grammatischen Strukturen
formulieren, schimmert Schicksal.
Was sind die Vorteile, was die Nachteile des Lebens in England? Das war
gestern abend Thema. Eigentlich möchten alle, hat sich gezeigt, lieber
zu Hause sein. Keiner ist freiwillig hier ausser mir. «In England kann
man Englisch lernen», ist der grösste Vorteil, den wir herausfinden.
Englisch ist zur Muttersprache der Heimatlosen geworden.