This was the seat most frequently occupied by Charles Dickens,
die Truthahnschnitzel und die Bratkartoffeln schmecken ausgezeichnet, der
Fruchtsalat ist frisch und im Kamin glüht richtige Kohle. «Ye
Old Cheshire Cheese», die meistbesuchte Taverne der Welt, erlebt gerade
einen beschaulichen Abend. Wir sitzen allein an dem langen Tisch auf Holzbänken,
düster die Beleuchtung, freundlich der Kellner mit leichter Glatze,
Bäuchlein und Brille, die blonde Kellnerin lächelt uns zu. Zweihundertfünfzig
Jahre alt ist das Lokal, einst drängten sich an der Theke die Setzer
und Journalisten der Fleet Street, heute die Touristen, die Londoner Folklore
atmen wollen. Man muss ja einfach hier gewesen sein und das Essen wirklich
gut und preiswert.
Und wie es so beschauliche Abende mit sich bringen, sprechen wir über
die Zukunft, und weil das Lokal so düster ist, sind unsere Visionen
gedämpft, vielleicht auch aus andern Gründen. Schreiben, was solls?
Der grosse Wurf wird wohl auch diesmal nicht gelingen, und ob es ein nächstes
Mal gibt, wer weiss? Zuhause liegt das dicke Manuskript mit den Korrekturvorschlägen
des Verlags und die Verlagsabrechnung, die jährliche Zerschmetterung
aller Illusionen. Ein paar Bücher hier, ein paar Bücher dort verkauft,
der Markt wird eng und schwierig, vieles scheint nicht mehr zu gehen. Kinderbücher
beispielsweise, was nützen mir die zwei Jugendbuchpreise und die freundlichen
Anfragen von Schulen und Bibliotheken. Die Motivation ist entschwunden,
die Verlage, die einst ein paar Werke verlegten, ebenso. Und irgendwann
werde ich vielleicht ganz ohne Verlag dastehen und nur noch im Internet-Selbstverlag
publizieren, um milde Gaben wird gebeten. Bettler im Cyberspace.
Etwas ganz Neues beginnen im Alter, in dem andere Kurse nehmen, wie sie
ihr Leben nach der Pensionierung gestalten wollen? Schreiben vielleicht?
(Ha, ha …) Vielleicht will ich einfach zuviel, sehe nicht, was ich erreicht
habe, will meine Grenzen nicht erkennen und sehe deshalb auch die Möglichkeiten
nicht, die real noch existieren. Schreiben hat ja einmal als Engagement
begonnen, als «Berufung» sozusagen, jetzt ist Schreiben zum Beruf
geworden. Andere Fragen sind wichtig als vor zwanzig Jahren, als man die
Welt verändern wollte mit Text, zum Überleben und Gedeihen der
Gesellschaft beitragen mit Worten. Heute geht es mehr um das eigene Überleben.
Wer schreibt, um Wirkung zu haben, wird belächelt, ausser, er sei Werbetexter
oder Schulbuchautor.
Zufällig drehe ich den Kopf, zufällig lese ich das polierte Schild
an meinem Platz auf dem ich zufällig Platz genommen habe, doch Zufälle
gibt es ja bekanntlich nicht. Hier hat Charles Dickens seinen Rücken
gewetzt und vielleicht auch Bratkartoffeln und Truthahn gegessen, Broccoli
wohl eher nicht. Bier getrunken wohl auch. Ein bisschen ist es wie ein Wink
des Schicksals. Der grosse, sozial engagierte Realist hat wohl auch noch
an die Wirkung der Worte geglaubt, warum sollte man heute nicht mehr? Die
Möglichkeiten waren wohl noch nie kleiner und noch nie grösser
als jetzt.
Dickens ist übrigens beim Mittagessen verstorben, am 9. Juni 1870.
Die Zinnkanne, aus der er den letzten Schluck nahm, wurde dieser Tage für
4830 Pound versteigert.
Wir wandern durch die Strasse der Tinte, weiss sticht die Spitze von St.
Brides über den Dächern in die Nacht, die noch kühl ist.
An der Themse brandet der Verkehr, im Dunkel eines Parks, hinter schwerem
Gitter, blühen Osterglocken, Rasen spriesst und feine Blättchen
an einer Weide. Morgen ist ein Tag.