Lond-on-line 18.3.

Die goldene Sänfte schwebte aus der Maschine von Rank Xerox, der Autor L. A. Downey hatte am Morgen in seinem Heim in Bradford-on-Avon noch letzte Korrekturen an dem Text angebracht, das in QuarkXpress formatierte Dokument dann übers Netz an die London International Bookfair übermittelt, innert Minuten druckte und band die Xeroxmaschine das Buch vor den staunenden Verlegern und Autoren und Literaturagenten und -produzenten, Frauen mitgemeint. Vom Autor direkt zum Leser, keine Offsetfilme mehr, keine Druckplatten, keine Lagerbestände, es ist wieder einmal die Revolution angesagt, diesmal heisst sie «Short-run printing» oder «Printing on demand».

Buchmessen sind dazu angetan, uns Autoren plastisch vor Augen zu führen, dass auch das Buch nur eine Ware ist und somit denselben Gesetzen unterworfen wie jedes andere Ding, das einen Produktionsprozess durchläuft und schliesslich in der Tragtasche eines Kunden landet. Da würde wohl sogar Karl Marx zustimmen, der von einem letzten verlorenen linken Stand namens «Pathfinder» ins Getriebe schaut. Das Gesetzt der neuen Wirtschaft heisst: «Just in time». Der Pfad vom Rohstoff auf den Ladentisch soll möglichst kurz und möglichst ohne Zwischenlager gefunden werden, also möglichst billig. Das heisst, konsequent zuende gedacht, dass erst produziert wird, wenn der Absatz bekannt ist, dafür rasend schnell. Nun also nicht nur Jeans und Automobile und Videokameras, sondern auch Bücher.

Die Olympiahalle in Kensington wirkt dagegen noch frühindustriell, eine gewaltige Arkade aus Stahlträgern und Glas, getragen von verschnörkelten Gusseisensäulen. Von Balkonen kann man schön auf das Getriebe an den Ständen von Verlagen, Agenturen, Multimediaproduzenten, Druckern aus aller Welt herabschauen, und es gibt sich kaum jemand mehr den Anstrich, «Kultur» zu vermitteln, es geht hier offensichtlich nur um Markt und Mark, beziehungsweise Pound oder Franken. An einem Ecklein ist auch ein Stand der Schweiz.

Doch die Zukunft ist gewiss das fiktive Buch, das im Cyberspace schlummert und erst «on demand» zu Papier werden kann, aber nicht muss. (Also wie dieses Tagebuch!) Xerox hat auch Shakespeare aufs Internet gejagt und druckt einen Band «Hamlet» samt Bild des Meisters, schön gebunden aber schrecklich nach Chemie stinkend. Doch als Enkel eines Schriftsetzers weiss ich ja: Auch der Bleisatz, der heute so verherrlicht wird, war giftig, mein Grossvater war am Ende seines Lebens gelähmt.

Das Gespräch mit meinem Lektor und Verleger Jürg Zimmerli trägt auch nicht zur Erheiterung des Bücherschreibers bei: Die Auflagen sinken, der Trend geht zum billigen Taschenbuch. Ein paar wenige Titel bringen das Geld, der Rest ist «Schmiermittel», so sagt Jürg. So schön hat das eigentlich noch niemand gesagt.

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