Lond-on-line 18.2.

Poesie lebt unter Grund, während sich über die
Oberfläche der City Massen wälzen, Hamburger kauend oder Kaugummi.
Zwei Treppen tiefer, in einer Nebenstrasse hinter dem Piccadilly Circus
treffen sich die «Piccadilly Poets», nicht um drei Uhr, wie in
«TimeOut>» stand, dem Londoner Wochenmagazin, sondern um vier,
wie ich an der Kasse erfahre, aber das ist halt so bei den Poeten. Als Billett
gibt es nur ein handgeschriebenes Zettelchen. Das «Jeremy Street Theatre»
wirkt ein bisschen verstaubt, schwarz gestrichen, wie es sich gehört,
hinter der Bühne sind Regenbogen auf die Wand gemalt, auf der Bühne
etwas Gerümpel und eine Bockleiter, der Boden ist nicht gewischt, die
Poster sind abgewetzt, der Sturm faucht durch irgend eine Ritze. Wahre Poesie
ist arm, das Ambiente stimmt.

Die Poeten, die schon in den Reihen sitzen, sind erkennbar an den Zetteln
und Blättern in ihren Händen, es herrscht die sympathische, ein
bisschen weltfremde Stimmung wie vor jeder Dichterlesung. Hier allerdings
findet ein Wettbewerb statt. Die besten vier werden von einer Jury auserkoren,
mit den Auserkorenen von zwei vorhergehenden Lesungen nochmals anzutreten,
der oder die allerbeste darf dann allein ein Programm bestreiten.

Mohammed Selim sitzt neben mir, ein Bengale, wie
ich später erfahre, Sohn eines Weinhändlers, in Bangaladesh, London
und den USA aufgewachsen, das Blatt mit dem handgeschriebenen Gedicht zittert
in seiner Hand, als er seinen Auftritt nochmals einstudiert. Denn es geht
hier, wie ich sogleich erlebe, auch um den Auftritt. Die Rezitation ist
jedenfalls stets begleitet von bedeutungsvollen Gesten, gekonnter Betonung,
Blick nach oben oder unten, je nach Inhalt. Breit ist das Spektrum: Vom
Teenager, der aus dem Tagebuch vorliest bis zum
Weisshaarigen am Stock, der ein Gedicht vorträgt,
das er im Krieg auf Klopapier geschrieben hat. Ich verstehe nicht
allzuviel, doch Poesie lebt ja schliesslich auch von Rhythmus und Klang.
Ein Junger mit Lederjacke und kurzem Schnitt singt sogar, brav und einsam
steht er vorn auf der Bühne, das Publikum schweigt ein bisschen verlegen.
Und eine schwarze Schönheit intoniert rhyhmisch, melodiös, professionell
– ausser Konkurrenz übrigens, wie die Moderatorin betont, eine füllige
Kulturdame mit Knoten, violettem Tuch um den Hals geschlungen und weiten
blauen Röcken.

Die schwarze Dichterin hatte sich zuerst noch bühnenwirksam
geziert, dann gefragt:«Poetry or Story?» Ach ja, natürlich.
Sie fesselte mit einem Liebesgedicht: «I wear my black skin and a smile,
of course…». Professionell auch ein Schotte, «oh, lovely!!»,
mit Wortspielen, von denen ich nur «bullshit» und «motherfucking»
verstehe. Ihm hätte ich einen Preis gegeben, nur schon für die
starke Rezitation, während der er mit dem selbstverlegten Büchlein
heftig die Luft wedelte, aber nie ablesen musste. Die Jury entschied sich
dann anders, ohne allerdings ihre Kriterien offenzulegen. Eine brave Dame,
Doppelgängerin von Evelyn Hasler, wurde gekürt für einen
Text, der etwas mit Wölfen zu tun hatte, und den ich ziemlich banal
fand. Ebenso kommt der Klopapier-Dichter in die Endrunde und eine weisshaarige
Lady mit Béret, Goldbrille und Strickjacke, die Heiteres vortrug,
als vierte eine Dichterin, die Betroffenheit verströmte mit Gedichten,
die von einem Blinden in New York erzählten und von einer Mutter, die
ihr Kind verloren hat.

Die Moderatorin vergass übrigens meinen armen Mohammed, schüchtern
streckte er immer wieder auf, sie übersah in geflissentlich, bis sich
der Schotte lautstark für ihn einsetzte. Mohammed las dann sehr zaghaft
und aufgeregt, verschluckte so schöne Sätze wie «the sleep
never recalls death». Dass er nicht in die Endrunde kommt, hat ihm
glaube ich zu Schaffen gemacht.

In der Pause wurde Wein und Saft gereicht, dann traten Profis auf, ein Dichter,
der gerade den Schnupfen hatte und sich dauernd schneuzte, was vielleicht
das Spannendste war an seinen Versen, er signierte hernach auch seine Bändchen.
Dann rezitierten Schauspieler zu fünft ab Blatt diverses, auch Shakespeare
und Kipling. Die schwarze Schönheit, die sich neben mich gesetzt hatte,
verfiel in gnädigen Schlummer. Die Poesie jedoch, so war der Eindruck,
ist wach, wenn auch im Untergrund.

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