Lond-on-line 17.7.

Goodbye, dear Old London, blau wölbt sich der Himmel
über der Stadt, die einst im Nebel erstickte. Vielleicht lässt
das doch ein bisschen hoffen, auch wenn das Ozonloch droht, die Polkappen
schmelzen und die Gletscher im heimatlichen Gebirge, wie gestern BBC zeigte,
während England, einem gewaltigen Floss gleich, nach Süden driftet,
nicht real, sondern klimatisch. Ich geniesse die Sonne und die Wärme
dieser letzten Tage, die Morgenstunden sind schon kühl, der Herbst
kündet sich an.

«Ach! lieber Herr, lasst mich nicht umbringen.» Der letzte Satz
von Heinrich Heines Englischen Fragmenten erinnert mich ein bisschen an
jenen, den Chris und ich uns sagten, vor unserer Trennung. «Was uns
nicht umbringt, macht uns stärker.» Bald werden wir uns in den
Armen liegen. Ob ich stärker geworden bin, weiss ich nicht, auch das
kann ich nur hoffen. Die Muskeln jedenfalls haben nicht gelitten, das ist
doch immerhin schon etwas.

Weitergehen heisst es also wieder einmal, wie schon oft. Ich weiss ja, was
mich erwartet. Das Dorf zwischen Berg und See, die Stille, die weniger still
ist als die Nacht im East End, die Einsamkeit, die weniger einsam ist, als
der Tag in der grossen Stadt.

Noch bleiben wenige Tage, um ein paar Wege nochmals zu gehen: Castle, Regents
Canal, Portland, Café Libre, Cyberia, Ashby’s in der Artillery Passage,
Blind Beggar, Docklands, Themse, Tube. Heute ist wieder grosser Streik,
die Strassen vollständig blockiert, die Polizei klappert auf Pferden
durchs Quartier. Die Kommunikationsarbeiter streiken ebenfalls wieder, und
beinahe wäre die Stromversorgung Londons durch einen Anschlag der IRA
in die Luft gejagt worden. In Belfast sind «ethnische Säuberungen»
zwischen katholischen und protestantischen Quartieren im Gang, der Friedensprozess
ist am Ende. Das wären die weniger hoffnungsfrohen Fakten. Selbst für
meinen letzten Tag ist Chaos angesagt, wieder totaler Streik der Underground,
meinem Abschied zu Ehren.

Was ist denn trotz allem das Einmalige, das Faszinierende dieser Stadt,
habe ich mich oft gefragt. London ist wie ein Scharnier zwischen neuer Welt
und alter Welt. Die Geschichte verbindet England mit Europa im Osten, die
Sprache mit Amerika im Westen. London ist multikulturell, die Welt im Kleinen,
sicher kein strahlendes Vorbild, aber gewiss vorbildlich tolerant.

Ich lasse wenig zurück. Meinen melancholischen Freund Alan, den Stadtwanderer
Laurie, die Kletterer vom Castle, ein paar Bekannte. Ich nehme viel mit.
So ungerecht ist die Welt. «Ach! lieber Herr, lasst mich nicht umbringen.»

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