Lond-on-line 17.5.

Wenn Stephen schneller programmiert hätte, gäbe es die
Barings Bank vielleicht noch,
jetzt ist er gerade im Peak Distrikt
am Drachenfliegen. Er hat es vor kurzem gelernt und erklärt uns Wind
und Wetter, seit er fliege, beobachte er auch die Vögel, man könne
viel lernen von ihnen. Der Morgen ist grau, Nebelschleier hängen über
den Mooren und verhüllen die schwarzen Felsen. Stephen hat uns beim
Frühstück angesprochen, das schwer ist und fettig, gekrönt
von schwarzgebratenem Blut mit Fettklösschen, «Black Pudding»,
eine Spezialität. Wir versuchen aus Anstand, mit Widerwillen.

Stephen ist Programmierer, Freelancer, er war im Februar 95 mit einem Projekt
bei Barings Bank beschäftigt, das die Risiken von Derivatgeschäften
kalkulieren sollte. Offenbar hatte das Management bereits kalte Füsse
bekommen, nachdem Nick Leeson im Fernostgeschäft allzu dicke Gewinne
auswies. Die Riesenverluste, so weiss man jetzt, versteckte er in einem
geheimen Konto mit der Nummer 88888. Stephens Programm sollte wohl das leisten,
wozu das Management nicht fähig war, nämlich dem Anlagefreak in
Singapur auf die Finger schauen. Die gutbetuchten Herren schoben also die
Verantwortung wieder einmal auf den Computer ab, eine nicht ungewöhnliche
Praxis.

Peter Barings, der frühere Vorsitzende des 233jährigen Bankhauses,
gab denn auch kürzlich vor einem Parlamentsausschuss zu, dass «keiner
von uns glaubte, dieses Geschäft würde dauern.» Aber man
nahm halt, so lange es gab, Barings 1,25 Millionen Pound Salär im Jahr
und sein Delegierter Andrew Tuckey 1,95 Millionen. Wofür, das fragten
sich auch einige Parlamentarier, wenn die Kontrolle, welche ja die Aufgabe
des Aufsichtsrates und des Managements ist, in keiner Weise funktionierte.
Gibt’s das Geld einzig für die Nadelstreifen und die Krawatte? Die
Herren fielen denn auch auf die primitivsten Tricks herein, zum mit Klebestift
zusammengebastelte Dokumente. «Es war», so erinnert sich Peter
Norris, ein weiterer Top-Manager, «a Mad Hatter’s Tea Party.»
Die verrückte Teeparty fand in Alice’s Wunderland statt, in Wirklichkeit
geschehen Wunder jedoch eher selten.

Leeson himself beschreibt Barings als schlicht «schäbig».
Die Ausrüstung seiner Abteilung bestand aus einem PC mit einem untauglichen
Programm, das irgend jemand mit der linken Hand zusammengebastelt hatte.
Ob Stephens Software die Bank vor dem Untergang gerettet hätte, darüber
können wir beim Breakfast nur spekulieren. Das Erdbeben von Kobe vom
18. und 19. Januar liess die fernöstlichen Börsenkurse krachen,
Barings stand plötzlich mit 830 Millionen Pound in der Kreide. Nick
Leeson hat im Gefängnis seine Memioren geschrieben, und Stephen hat
Zeit zum Drachenfliegen und zum Beobachten der Vögel.

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