Der erste Satz ist der schwierigste, heisst es, doch ich übe nun täglich. Das Tagebuch ist schon fast
eine Manie geworden, noch kein Tag ausgelassen bisher, jeden Tag
mit einem schweren ersten Satz begonnen und geschafft. Es ist
wie Rotpunkt-Klettern, jeder Tag, den ich schaffe, ist ein Griff
oder ein Tritt auf der Route und ohne Entlastung am Haken; wenn
ich das Ende meines Aufenthalts erreiche und jeden Tag einen ersten
Satz und einen folgenden Text geschrieben habe, habe ich die Route
LOND-ON-LINE rotpunkt durchstiegen. Oder durchwandert.
Ich wandere also durch die Stadt, durch ihre Winkel und Museen und Pärke und Strassen und Lokale mit dem Gedanken im Kopf: Wie lautet der erste Satz. Ich trage ein winziges Büchlein bei mir, notiere dies oder das. Eine Stadt ist wie ein Lesebuch: Plakate, Stimmen, Menschen und Dinge, Geschichte und Geschehen. Irgendwann blitzt mir der Satz durch den Kopf, mit dem der Tag beginnt. «Stadtwanderer» nennen wir diese Übung in unseren Kursen. Durch eine Stadt oder ein Dorf wandern, alles aufschreiben, was einem auffällt, was man beobachtet, was man fühlt. Dann auf dem Heimweg alles im Kopf nochmals kneten und sich vom ersten Satz überraschen lassen. Der erste Satz entsteht ohnehin besser im Gehen als im Sitzen, er bekommt irgendwie den Rhythmus von Schritt und Tritt mit, und der strahlt dann in den Text. Wie gesagt: Ich übe jeden Tag. Schreiben als Training, schliesslich bin ich ein Sportler.
Wozu? (Für Dich natürlich, Leserin oder Leser, 30 Zugriffe pro
Woche auf die Startseite, Tendenz steigend. Das ist eigentlich
schon überraschend. Manchmal kommt sogar ein Echo auf E-mail.)
Wozu denn sonst? Das frage ich beim Klettern ja auch nicht. Weil
es mich freut, weil ich mir ein Ziel gesetzt habe, weil ich einmal
schreiben kann, ohne sogleich die Länge, das Medium und das Honorar
im Kopf zu haben. Schreiben um den Schreibens willen. Für den
Rotpunkt an der Wand gibt es ja auch keines, auch der ist selbst
gewählt und bestimmt mein Leben wie nichts anderes.
Natürlich sehe ich als Stadtwanderer die Stadt anders. Ich wandere
und habe stets den ersten Satz im Kopf, der eine Beobachtung verdichtet,
ich schaue anders, ich besuche andere Orte, ich nehme anderes
wahr. Der erste Satz bestimmt meinen Weg, was denn sonst?