Lond-on-line 17.3

Der Cyberhost ist müde geworden, es ist acht Uhr abends und Cyberia hat um elf Uhr früh aufgemacht. Jetzt sitzt Richard Anson in
einem dunklen Winkel an einem der runden Tischchen und kaut ein
Sandwich, sein Gesicht ist fahl und faltig. Da und dort sitzt
ein Pärchen vor den Bildschirmen, das Licht ist gedämpft, Tangostimmung
und immer derselbe dumpfe Technosound. Zwei junge Männer und eine
Frau im kurzen Rock blättern neben mir durch ein Videoverzeichnis,
sie kichert.
Da hat einer ein Problem, Richard gibt Auskunft, obwohl er eigentlich
Feierabend hat. Ein Betrunkener beginnt plötzlich, einen Jungen
an einem Bildschirm anzuschreien. Vorher an der Bar wollte er
meinen Pass sehen. Ein anderer Cyberhost geht ruhig hin, drängt
ihn aus dem Lokal in die Nacht hinaus. Alltag im Internet-Café.

«Cyberhost» ist eigentlich ein neuer Beruf. Barkeeper, Kellner
und Computerberater in einem. Es gibt keine Arbeitsteilung und
stets arbeiten eine Frau und ein Mann zusammen: Kaffeemaschine
und Computer bedienen gehört zum Profil.
«Cyberstress», sagt Richard und lacht. Am Abend ist er jeweils
nudelfertig, vor allem die Arbeit mit den vielen Leuten reibt
auf. Jeder hat ein anderes Problem. Als ich eine Stunde buchte,
waren gerade ein paar Maschinen abgestürzt, Richards Kollegin,
die «Cyberhostess», leicht überfordert. Er dagegen blieb ruhig,
seine Augen hinter den kleinen Brillengläsern blitzen freundlich.
Resettaste, alles klar.

«Ein Cappuccino? Sitz nur ab, ich bringe ihn Dir.» Die Stimmung
im Cyberia ist wirklich sehr angenehm, offen, ein Verdienst der
Cyberhosts und -hostessen.
Richard hat politische Wissenschaft studiert, es ist sein erster
Job. Gefällt er ihm? «Es gibt schlechtere», sagt er. Er verdient
sechs Pound in der Stunde. Ist das nicht wenig, bei den hohen
Lebenskosten in London? «Es gibt solche, die weniger verdienen.
Ein gewöhnlicher Kellner hat kaum die Hälfte.» Kann man davon
leben? Richard lächelt und zuckt die Achseln. Und schon steht
er wieder hinter der Bar und werkt irgend etwas, dabei hätte er
doch längst schon Feierabend.

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