Die Panflöte der Bettlerin webt wehmütige Klänge
durch die Dämmerung vor dem Schoppingcenter. Etwas geben? Sie hockt
gebückt auf den Steinfliesen, ein schwarzer Hut bedeckt ihr Gesicht,
leise klingt das Lied, irgendwie bekannt die Melodie, sie greift ans Herz.
Man geht trotzdem vorüber, mag nicht im Strom der Einkaufenden die
Geldbörse öffnen und Münzen hervorklauben, geschoben und
gestossen. Da sitzt noch ein Junger, käsebleich und schmal und bittet
schlicht um «Change». Und schon kriecht das Schuldgefühl
hoch, dass man der Flötenspielerin nichts gegeben hat, nicht eine Kupfermünze,
obwohl sie doch etwas tut für ihr Geld, den Abend mit Klängen
erfüllt, ein leises Weinen gegen den Verkehrsstrom und den Moloch der
Konsumgesellschaft, der im hellerleuchteten Einkaufszentrum wütet,
wo die Gestelle bersten. Man sucht unter fünfzig Sorten von Chips die
mit dem passenden Aroma und unter hundert Sorten Bier das leichte und nicht
allzu bittere. Das Leben ist bitter genug.
Man hat also wieder den Mut nicht gefunden zu geben. Hätte man den
Mut zu nehmen, wenn man sonst verhungern würde?
Vor der Drehtür, welche die Menschen wie eine Turbine ins Schlaraffenland
schaufelt und wieder auswirft, steht ein Mann, verkauft «The Big Issue»,
die Wochenzeitung der Obdachlosen. 70 Pence, 40 davon gehen in die eigene
Tasche. Natürlich gibt man stets ein Pfund, denn auch diese Art, das
obdach- und arbeitslose Leben zu fristen, ist uns sympathisch, es steckt
Leistung dahinter, wie bei der Flötenspielerin, und unbewusst wenden
wir auch auf die Opfer der Leistungsgesellschaft einen Leistungsmasstab
an. Die Zeigungsverkäufer tragen auch Risiko, die überzähligen
Nummern können sie nicht mehr zurückgeben, der soziale Abstieg
wird umgebaut in eine «Micro-Enterprise».
Wer «The Big Issue» kauft, unterstützt die Hilfe zur Selbsthilfe
und bekommt erst noch ein Produkt, eine interessante Zeitung, professionell
gemacht, optimistisch und mutig, nicht mit Weltschmerz hausierend. Auflage
120’000, lanciert im September 91, ein Erfolg. Nebst Inseraten tragen Sponsoren
das Projekt, dass auch die SBG auf der Liste steht, macht uns die grösste
Schweizer Grossbank um ein Haar sympathischer.
Es gibt diese Obdachlosen- und Arbeitslosenblätter mittlerweile in
der ganzen Welt, man hat auch in San Francisco nach dem «Street Sheet»
gegriffen, es gibt kein Ausweichen wie bei den hingestreckten Pappbechern:
«Have you got any change?»
Doch natürlich hat man diesmal das Herausgeld von der Supermarktkasse
nicht mehr ins Portemonnaie gesteckt, sondern hält das Türmchen
mit den Münzen sorgsam in der Faust und diese in der Manteltasche.
«The Big Issue» steckt in der andern, man wird zuhause zuallererst
das Porträt der zwei Frauen lesen, die über ihre Hochzeitsnacht
berichten. Die eine hatte schon hundert Liebhaber, die andere hat sich alle
Liebe des Lebens für den grossen Moment aufgehoben. Natürlich
gibt es in «The Big Issue» auch handfeste Informationen über
Obdachlosigkeit und andere soziale Fragen in aller Welt. Und prominente
Autoren schreiben Kolumnen.
Man wird anschliessend den Fernseher einschalten und erfahren, dass in London
20’000 Obdachlose leben und dass 3000 Leute in unzähligen Institutionen
für sie sorgen, vom Wolldeckenfalten bis zur medizinischen Versorgung
oder eben der eigenen Presse. Obdachlosigkeit ist ein Wirtschaftsfaktor
geworden, es gibt Manager in Institutionen, die 40’000 Pfund im Jahr verdienen,
das ist das Doppelte eines Lehrergehaltes nach sieben Dienstjahren. Die
Journalisten, man weiss ja, haben immer etwas zu kritisieren.
Jedenfalls geht man mit der Faust in der Tasche über den Parkplatz
vor dem Shoppingcenter, hört schon die Panflöte weinen, bückt
sich, ohne den Schritt zu verzögern, lässt die Münzen in
einen schwarzen Hut fallen. Die Flöte verstummt, die Frau hebt den
Kopf, ein weisses, weiches, etwas schwammiges Gesicht schenkt ein Lächeln,
in der Dämmerung, die fast Nacht ist. «Thank you very much, Sir,
I wish your a pleasant evening.» Dann beginnt ein neues Lied, und man
meint, im Weitergehen, bevor man in den Verkehrslärm taucht, es klinge
eine Spur fröhlicher.