Der deutsche Bundeskanzler sass auf der Tribühne, als seine
Nation die Tschechen niederrang, die Queen hatte die Fussballer
begrüsst. Sport hatte nur Winston Churchill verabscheut, der gegen
Deutschland den Krieg geführt hatte und gewonnen, er war ein Literat,
Nobelpreisträger, und formulierte als einer der ersten die Vision von
Europa. Deutschland schlägt England im Penaltyschiessen, Deutschland
schlägt Tschechien mit dem Goldenen Schuss (Tor nach Spielverlängerung),
fatale Erinnerungen werden wach – und eine fatale Sprache herrscht im Sport.
Ich besuche, sozusagen in memoriam, das Kriegsmuseum, The Imperial War Museum.
Überraschung: Der Krieg wird nicht verherrlicht, kein Heldenkult, sondern
die Opfer, die Leidenden empfangen den Besucher: Bilder von verletzten Kindern,
verhungerten KZ-Insassen, von Müttern, die von ihren Söhnen Abschied
nehmen. «In every parting there is an image of death.» George
Eliott.
England ist fair mit den alten Feinden. Ihre Leiden sind ebenso dokumentiert
wie die eigenen. Vom 7. September 1940 bis zum 16. Mai 1941 ist London jede
Nacht bombardiert worden, dazu 15 andere englische Städte, 41’000 Tote,
137’000 Verwundete. Dann hat England zurückgeschlagen, 300’000 – 600’000
deutsche Menschen in Zivil wurden durch Bomben getötet, die Zahl ist
vielleicht untertrieben, wenn man an Dresden und Hamburg denkt, an die Feuerstürme.
London ist übrigens nur durch Glück einem Feuersturm entgangen,
und durch noch grösseres Glück ist St. Pauls unversehrt geblieben.
Nun hat Deutschland also gesiegt, und vielleicht ist es doch gut, dass es
Fussball gibt, und mehr denn je bin ich überzeugt, dass wir Europa
brauchen für den Frieden. Besser, Helmuth Kohl und die Queen schütteln
Sportlern die Hand als Frontkämpfern. Die Nation, eine Kopfgeburt des
letzten Jahrhunderts, gehörte längst abgeschafft, doch sie nützt
dem Sport und dem Krieg und den Politikern, der Wirtschaft ist sie eigentlich
längst im Weg, ausser der Rüstungsindustrie.
Fast ist im Taumel von Euro 96 ein Jubiläum vergessen gegangen. Heute
vor 80 Jahren begann die Schlacht an der Somme, die blutigste Schlacht der
Militärgeschichte, nach einer Woche Kanonade stürmten junge englische
Freiwillige gegen die deutschen Linien in der Meinung, sie hätten leichtes
Spiel. Doch die Deutschen hatten sich eingegraben, am Abend waren 20’000
Briten tot und nur 185 Deutsche. Ein paar überlebende Veteranen sind
heute hinübergefahren, der älteste 103. «Sinnlos war es»,
grummelte er ins Mikrofon von BBC, «man hätte sich an einen Tisch
setzen und miteinander sprechen sollen.» Eine Generation verstummte
in den Gräben und Gräbern.
Weder John Major noch Verteidigungsminister Michael Portillo fanden Zeit,
schnell nach Thiepval zu fliegen und den alten Männern mit den Orden
an der Brust die Hand zu schütteln, von der Queen war keine Rede. «Too
busy.» «Completely incredible!» fand das Baronesse Thatcher,
die als Premierministerin schliesslich selber einen Krieg geführt und
notabene gewonnen hat – Falkland, ach ja, wann war da schon wieder? Ihren
Ausruf tat die Baronesse übrigens auch im War Museum, sie hatte dieselbe
Idee gehabt wie ich und es aus historischem Anlass besucht.
Im Imperial War Museum ist auch Falkland dokumentiert, wie sämtliche
Kriege und Bügerkriege, in die England verwickelt war, also auch Irland.
Eigentlich leben wir ja im Krieg, letzten Freitag hat die IRA eine englische
Kaserne in Osnarbrück, Deutschland, mit zwei Mörsergranaten beschossen,
kein Opfer. Im Kriegsmuseum ist auch bereits Canary Wharf dokumentiert,
die Bombe, deren Knall ich selber hörte. Kurz nach meiner Ankunft war
es und ist bereits wieder Geschichte, im Museum ausgestellt.