Die schwarze Lady mit dem gelben Strohhut predigt Sodom und Gomorrah,
doch keiner hört hin. Sie pocht auf die Bibel, sie weist auf die zehn
Gebote, welche auf einem Plakat an der Bockleiter hängen, auf der sie
steht, sie wischt sich den Schweiss von der Stirn, holt nochmals tief Luft,
versucht ein letztes Mal, die Menschheit mit beschwörenden Worten auf
den Weg des Heils zu führen. Umsonst. Ein einziger Erdenbürger
bleibt stehen, hebt die Videokamera ans Auge und lässt sie schnurren.
Es ist ein heisser Sonntag im Speakers Corner im Hyde Park, die Regierung
hat Smogalarm erlassen, ich habe ihn ernst genommen und bin mit demVelo
quer durch die Stadt gefahren, auf Schleichwegen der Themse entlang. Doch
Umwelt oder gar Umweltpolitik ist auf dem historischen Platz der freien
Rede in London kein Thema mehr. Hier geht es sozusagen nur noch um die Auseinandersetzung
zwischen Islam und Christentum, zwischen verschiedenen Wegen ins Jenseits,
das Diesseits kann warten.
Der spitzbärtige Mullah mit dem weissen Hemd und der weissen Kappe
auf dem schwarzen Haar, gleich gegenüber der Lady, ist umgeben von
einer dichten Menge von Glaubensgenossen, und er ruft aus: «Sie sagen,
Fundamentalismus sei Extremismus. Ich sage aber, das genaue Gegenteil ist
wahr. Wir Fundamentalisten beschäftigen uns mit dem Fundament der Religion,
die Extremisten sind die, welche sich davon entfernen.» Das Publikum
applaudiert. Entdecke den Islam – die Wahrheit, fordert ein Transparent
auf.
Vor einigen Wochen verhaftete die Polizei einen Iraki, der in seinen Reden
Saddam Hussein, die Hisbolla und Hamas lobte. Er hatte mit dem Messer auf
einen libanesischen Christen eingestochen, der protestiert hatte, es folgte
eine wüste Schlägerei. Zum ersten Mal in der 124jährigen
Geschichte des Speakers Corners musste er geräumt und geschlossen werden.
Seit Ayatollah Khomeini 1987 Salman Rushdie zum Tod verurteilte, wegen seines
Romans «Satanische Verse», ist der Hyde Park zum Hort der Fundamentalisten
verkommen. Der islamische Klerus von London hat sich nie vom Todesurteil
gegen den Dichter distanziert. Es sei gefährlich, heisst es, die islamischen
Prediger in Diskussionen zu verwickeln. Allzu bald sei man in einer Menge
von Anhängern eingepackt und werde bedroht.
Hier stiegen Karl Marx, Bernhard Shaw, Winston Churchill und Tony Benn auf
Kisten und debattierten über Politik, Gerechtigkeit und Demokratie.
1855 versammelten sich erstmals 150’000 Leute im Hyde Park und demonstrierten
gegen ein Handelsgesetz, 1872 legalisierte das Parlament den Ort, der weltweit
Symbolcharakter hat für das freie Wort. Symbol für unsere Zeit
ist nun sein Niedergang. Die freie Rede hat im Zeitalter der Massenmedien,
der Massenverdummung und Massenverhetzung ausgedient. Es zählt nicht
mehr das Argument, sondern der Auftritt, nicht mehr der Diskurs, sondern
der Gehorsam.
An diesem heissen Sonntag drängen sich einige hundert Leute um die
Redner, der Glacéstand macht guten Umsatz. Die Liegestühle auf
dem weiten Rasen sind besetzt, der Schatten der wenigen Bäume gesucht.
Fünf Polizisten überwachen das Geschehen, die Redner sind meist
farbig, laut versuchen sie ihre Konkurrenten niederzuschreien oder mit heftigen
Gesten die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Wege zu Gott sind vielfältig,
wer eine passende Sekte sucht, findet sie hier bestimmt. Nur an einer Ecke
steht auf einer umgedrehten Bierkiste ein Schotte im Kilt, Anhänger
der Scotish National Party, und plädiert für die Trennung von
Schottland und England. «Wir Schotten sind eine alte europäische
Nation. Wir wollen als selbständiger Staat die europäische Union
mitgestalten.» Es ist der einzige mit einer politischen Botschaft,
aber visionär klingt sie nicht. Ein paar alte Männer hören
zu.