Fünf Jahre Gefängnis für den Künstler, das ist der Tarif. Simon Sunderland alias Fista oder Fisto schmückte mit seinen knallbunten Graffiti das graue Sheffield, eine Kirche, eine Tankstelle, und selbst das Stadthaus erstrahlten unter dem gekonnten Spray gestohlener Dosen in der Pracht seiner «Outlines». «In einer Gesellschaft, die auf dem Bild basiert, auf Gier und Selbstsucht, sind wir die wenigen, welche die Ketten gebrochen haben indem wir unsere Kunst mit allen Mitteln zur Schau stellen.» Auch diesen Satz sprühte Simon irgendwohin. Und irgendwo im Hinterkopf widerhallt der Satz vom Proletariat, das nichts zu verlieren hat als seine Ketten. Schliesslich ist Sheffield eine alte Industriestadt, nahe Manchester, wo Friedrich Engels wirkte, revolutionäre Schriften verfasste und mit Baumwolle handelte.
Der Fremde erinnert sich. Es war eine der schlimmsten Nächte seines Lebens, er stand in einer Gasse vor einer Mauer, rief einen Namen, hoch oben hinter vergitterten Fenstern lag der Sprayer in der Zelle und hörte ihn nicht. Betrunkene torkelten vorbei, Musik brandete aus einer Wirtschaftstür, dann wieder Stille. Irgendwann klirrten Schlüssel, ein Beamter trat durch ein Tor. «Was wollen Sie?» Der Sprayer lag in der Zelle und schlief, sechzehnjährig, eingesperrt, die Gesellschaft nahm Rache. Man hatte ihn vom Arbeitsplatz weg verhaftet, den Jungen, vier Tage blieb er in Haft ohne frische Wäsche, der Jugendanwalt war verreist, nicht zu sprechen. Der Beamte zuckte die Schultern. Das war nicht in Sheffield, sondern in Glarus. Auch dort war der Fremde fremd.
Der Schaden beträgt 7000 Pfund, eine Bagatelle gegenüber dem Schaden, den der gestrandete Öltanker Sea Empress im Naturschutzgebiet an der Küste von Wales angerichtet hat, die ökologischen und ökonomischen Kosten des Destasters werden wohl gar nie berechnet werden, und niemand wird dafür ins Gefängnis gehen. Gier und Selbstsucht sind die Ursachen, denn man könnte sicherer Tanker bauen, sie wären nur etwas teurer. Die Kleinen hängt man noch immer. «Privates und öffentliches Eigentum muss vor mutwilligem Vandalismus geschützt werden», sagte das Gericht. Sheffield war zur Hauptstadt der Graffitikünster geworden, es ist auch schon die Hauptstadt der Kletterer und anderer seltsamer Vögel. Simon hatte sein Handwerk mit Leidenschaft und Sachkenntnis betrieben, hatte die «Pieces» fotografiert und sogar eine Karte gezeichnet. Für die Zukunft plant er eine künstlerische Ausbildung.
Der Fremde erinnert sich an Harald Nägeli, verurteilt für das Verzieren von Mauern, die ihn heute als arrivierten Künstler beherbergen oder von ihm designte Bettwäsche verkaufen. Kunst nahm schon immer seltsame Wege, wurde schon immer verfolgt und verfemt, wenn sie öffentlich auftrat. Das Schöne ist stets umstritten, nur der Schmutz bleibt ungestraft. MIST hat Simon auf eine graue Wand in Sheffield gesprayt, mit wunderschönen bunten Buchstaben.