Technik ist gut, solange man sie nicht wahrnimmt, das Telefon
beispielsweise, ist uns zur zweiten Natur geworden und manchen Leuten auch
das Auto, sicher aber der Fernseher und das Radio. Und Internet, so haben
wir gehört, wird bald so selbstverständlich sein wie das Telefon
und so unmerkbar unseren Alltag bestimmen, dass wir nicht mehr ohne leben
können.
Seit zwei Tagen habe ich jedoch ein Problem. Ich sende meine Tagebuchtexte
nach Zürich, wo sie bei Internet Access AG in einem Directory namens
«werkstatt» liegen, im HTML-Code, abrufbar für die ganze
Welt auf dem World Wide Web, theoretisch. Gelegentlich bekomme ich elektronische
Post von Leuten, die darin lesen. Und nun streikt die Verbindung. Das heisst,
die Verbindung funktioniert, doch während der Übertragung erscheint
plötzlich eine Fehlermeldung: «Server response: Data connection:
Connection reset by peer.» Was soll ich damit anfangen? Auch die Helpline
in Zürich ist bisher ratlos, helpless.
Mein On-line-Tagebuch bleibt der Welt also vorenthalten, bis das Problem
gelöst ist. Seit ich mit Technik zu tun habe, begleitet mich diese
ständige quälende Frage: Warum funktioniert es nicht? Es ist sozusagen
eine Phobie geworden, ein unablässiges Misstrauen in die Maschinerie.
Irgendwann, ich weiss, bricht sie zusammen, irgendwann stürzt das Flugzeug
ab und der Computer crasht und fegt allen Inhalt weg, und dass selbst Atomkraftwerke
in Brand geraten, wegen einer Störung, das haben wir ja erlebt.
Seit Tagen ist übrigens mein Drucker in Reparatur, ist ja wohl klar,
und mein Power-Book war schon kaputt, als ich es auspackte. Es ist, als
ziehe ich die technischen Störungen irgendwie an. Dabei sind Computer
heute äusserst zuverlässig, verglichen mit den schrecklichen Kisten,
die wir vor 25 Jahren programmierten und deren «mean time between failure»
wenige Stunden betrug. Ich erinnere mich noch an die Vorführung eines
militärischen Systems an einen Obersten des Generalstabs: Als der Fehler
auftrat, der uns sporadisch und aus unbekannten Gründen terrorisierte,
schlug der Verkäufer eine Kaffeepause vor. Der Oberst hatte zum Glück
mehr Lust auf Gipfeli als auf Technik. Ein befreundeter Ingenieur, der auch
für die Rüstung programmierte, entschuldigte sich jeweils so:
«Die Systeme sind so komplex, dass sie ja doch nie funktionieren.»
Bei mir begann es schon mit dem ersten Kristalldetektor, einem Baukasten,
den mir mein Vater gekauft hatte. Man musste mit einer Nadel auf einem Kristall
eine aktive Stelle suchen, dann wirkte er als Diode und konnte Radiosignale
demodulieren. Natürlich funktionierte er nie, soviel ich auch suchte,
und obwohl ich immer wieder neue Antennen ausprobierte. Dann bastelte ich,
ebenfalls unterstützt von meinem Vater, Einröhrenempfänger,
sogenannte Audione. Ohne jeden Erfolg, weder Empfang noch das Pfeifen der
Eigenschwingung. Später dann, als Elektroniker, als Elektronik-Ingenieur
und Entwickler, brachte ich doch einiges zum Funktionieren, schliesslich
war ich nun ausgebildet, hatte Messgeräte und Material und ein bisschen
Mathematik im Kopf. Doch meine letzte Arbeit, ein Prüfgerät für
irgendwelche Telekommunikations-Platinen, geriet nochmals zum Flop. Die
Störung, die tief im Konzept stecken musste, wurde glaube ich auch
nach meinem Weggang nie gefunden. Mein Abschied als Technik-Macher war also
wie der Einstieg: Es funktionierte nicht.
Warum mein erster Roman den Stillstand eines Computersystem als dramatisches
Element enthielt, muss ich jetzt wohl nicht mehr erklären. Naiverweise
dachte ich, als Schriftsteller könne ich der Technik ausweichen, doch
die Zeit der Federkiele ist leider vorbei. Auch wir Schriftsteller ziehen
mit einem Koffer voll Technik durch die Lande: Laptop, Drucker, Modem. Die
Wahrscheinlichkeit, dass alles zu jedem Zeitpunkt einwandfrei funktioniert,
ist klein. Gross dagegen die Hoffnung, die nächste Generation, die
nächste Anschaffung laufe störungsfrei. Ich glaube nicht mehr
daran.