Lond-on-line 16.2.

Die Szene ist Heimat in einer komplexen, chaotischen Welt.
Wenn ich mit der Kletterausrüstung in der Einkaufstasche in die U-bahn
steige, sehe ich gewiss aus wie die hundert andern Papas und Opas, die auf
dem Markt Gemüse geholt haben. «The Castle» ist mein Ziel,
«Britain’s Premier Indoor Rock Climbing Centre». Eine nette Gegend,
gleich hinter dem Finsbury Park. Das Schloss scheint einst dem Wasserwerk
gedient zu haben, ein Wasserschloss also, doch mit Türmen, schiessschartenartigen
Fenstern und gezackten Zinnen sieht es einem Schloss ähnlich. Schlösser
sind hoch, wie Gaswerke und Kirchen, Räume also, wie sie Kletterer
suchen, dort wo sich keine Berge erheben. In Bristol klettert die Szene
in einer alten Kirche. Nichts ist uns mehr heilig. Die Wand ist nicht mehr
das Ende, sondern der Weg.

Fremd komme ich an, schreite durch leere Hallen, rechts ein Kletterladen,
Klosetts, Garderoben, Schliessfächer, treppauf gehts zum Empfang. Dann
der Blick durch ein Fenster, die Kunstwände, zwölf Meter, die
Griffe, die hängenden Seile, ich bin angekommen. Sofort ist alles klar.
Das ist der Szeneneffekt, die grosse, unbegreifliche Welt bleibt draussen,
drinnen finden wir uns überall zurecht. So war es auch in der Halle
in Salt Lake City, so war es in den Klettergärten in den USA, in Frankreich,
in Italien. Was die Arbeiterklasse nicht geschafft hat, haben die Szenen
geschafft: die Internationale. Völker, hört die Signale, die Kletterkarabiner
tingeln. Das letzte Gefecht ist der Sport.

Der Junge fällt mir gleich auf an der Boulderwand, viereinhalb Meter,
felsähnlich strukturiert, griffig. Er hat Drive und ist allein. «Hast
Du Lust, zusammen etwas zu machen?» Was mir in Sargans schwerfällt
und in Schlieren, in unseren heimischen Hallen, geht mir hier leicht von
den Lippen. Er nickt, er stammt aus einem asiatischen Land, Chi heisst er,
und am Schluss, nach zwei Stunden in den Überhängen, tauschen
wir Telefonnummern. Er macht, soviel habe ich verstanden, Gelegenheitsarbeit
und klettert viel. Seit drei Jahren, sagt er, und ich sage, seit fast vierzig.
Wir lachen, kippen ein Diet Coke.

Ein bisschen darf ich den Star spielen, eine Rolle, in der ich mir besonders
gefalle. Es dürfen dazu einfach nicht allzuviele Topstars ebenfalls
ihre Auftritte haben wollen, doch ich habe Glück. Es drägt sich
alles in den leichteren Sektoren. Der Junge am Empfang wollte uns partout
kein Seil geben, dafür sei jeder selber verantwortlich. Er klopft auf
das Regelwerk, das hier dazugehört. Nachdem er uns im ersten Toprope
beobachtet hat, hebt er den Daumen, und plötzlich ist ein Seil da.
«A great wall», danke ich, Daumen ebenfalls nach oben, alles ist
klar, so funktioniert eben die Szene, weltweit. Und deshalb vermittelt sie
Heimat, Nähe, Verstehen. Wir tragen das Vaterland nicht im Herzen,
wie Heinrich Heine schrieb, als er nach England reiste, sondern im Magnesiabeutel.

Somit fehlt mir fast nichts mehr zum Glück. Zwei Hallen in Reichweite,
wo ich den muskulären Kick tanken kann und etwas Adrenalin sniffen
und Leute treffen, die solche Fetzen tragen wie ich und auch einmal zuschauen,
wie der Alte einen Boulder packt, einen Doppelüberhang punktet oder
im Monkey Room an der Decke klebt.

Später, in der U-bahn, sitzt er dann wieder in Mantel und Brille, die
Einkaufstasche auf den Knien, in der es nicht nach Selleri oder Karotten
riecht, sondern nach Magnesia.
Als ich vor die Tür trete, ist der Himmel klar wie in einer Bergnacht,
Gewölk schimmert, unten kriechen die unendlichen Lichterketten der
Rush hour. Trotz abgaserfüllter Luft atme ich weit. Man habe an diesem
Abend in England ein hohes Gewölk beobachtet, das in Regenbogenfarben
schimmerte, eine Naturerscheinung, noch seltener als Nordlicht. Man sehe
es im Leben nur einmal.

Zurück zu Lond-on-line Verzeichnis