Der Engel und das Teufelchen stiegen auf den höchsten Berg der Stadt, 625 Stufen waren zu überwinden bis zum Gipfel, 111 Meter über den Dächern. Der Berg war heilig. Doch im Strom der Menschen, welche sich an seinem Fusse drängten, fiel der kleine Teufel nicht auf, er hatte eine dunkle Brille aufgesetzt, den Bocksfuss in Tennisschuhe gezwängt und den Schwanz in die Lewis 501. Sie bezahlten die Gebühr, welche vor dem Aufstieg zu entrichten war, schon seit beinahe 300 Jahren, denn so lange stand der Berg aus Portland-Kalkstein schon in der Stadt, unten breit ausladend, kreuzförmig, in der Mitte ein zylindrischer Turm, oben ein kuppelförmiger Aufbau, in einer Spitze mit goldenem Gipfelkreuz endend. Das Teufelchen keuchte, die Treppe stieg erst sanft, in weitem Bogen, dann durch enge Gänge und Schächte, immer steiler werdend. Lächelnd schwebte der Engel voraus, mit sanftem Flügelschlag, seine nackten Füsse berührten die Steinfliesen kaum.
«Du solltest weniger rauchen», flüsterte der Engel, denn nun machten sie Rast auf einem Felsband, das «Flüstergalerie» genannt wurde.
«Ich rauche gar nicht», gab der Teufel zurück, sein Gesicht glühte vor Anstrengung, «in der Hölle habe ich einfach zu wenig Training. Alles ist flach und die Luft schlecht. Ich sollte mehr joggen.»
«Weg nach oben», war in deutscher Sprache angeschrieben, sie stiegen weiter, überholten einen Grossvater mit drei Kindern, die ebenfalls den Gipfel zum Ziel hatten. «Im Krieg», sagte der Alte zu den Kleinen, «da war hier rundherum alles von Bomben zerstört. Nur St. Pauls blieb verschont.» Die Kinder zählten die Treppenstufen, was Krieg bedeutet, wussten sie nicht. Kinder interessiert, was kommt, nicht was war. St. Pauls, so hiess also der Berg, das Teufelchen zuckte zusammen, doch der Engel strahlte, und einen Augenblick lang schimmerte er gerade so golden wie der Engel auf dem Hochaltar in der heiligen Halle unter dem Berg, der zur Erinnerung an die Gefallenen der beiden grossen Kriege errichtet war. Der Teufel aber wurde so schwarz wie der Leichnam Horation Nelsons, des Siegers über Napoleon in der Seeschlacht von Trafalgar, der in einem Fass Brandy konserviert tief unter der Erde lagerte, fast gar in der Hölle, neben andern Kriegsgurgeln wie etwa dem Herzog von Wellington. Der Berg war heilig und doch ein kriegerischer Ort, und deshalb hatten sich der Engel und der kleine Teufel zu ihrer gemeinsamen Expedition gefunden.
Schon fast auf der Spitze des Berges betraten sie einen Raum, der einer Schutzhütte glich, eine Hüttenwartin stand da, ausgerüstet mit dem unentbehrlichen Mobiltelefon. Drei Millionen Menschen besuchten den Berg jedes Jahr und 150 fanden hier Arbeit, an der Spitze standen ein Dekan und ein Kollegium von vier Kanonikern sowie 30 weiteren Pfarrern. In der Mitte des Bodens der Hütte war ein winziges Fenster eingelassen, durch welches man hinabschauen konnte in die grosse Halle, durch die Menschenflöhe krabbelten. Im Boden war ein goldener Stern eingelassen, und dieser erinnere, so erklärte die Frau mit dem Funkgerät, an den Architekten des Bergs, Christopher Wren, denn der Berg war ein künstliches Gebilde, das sich über die flache Stadt erhob. «Gott begegnete den Menschen stets auf Berggipfeln, und wo sie fehlen, da errichteten sie die Frommen im Schweisse ihres Angesichts», flüsterte der Engel.
«Und wie steht es denn mit dem Turm zu Babel?» erkundigte sich der Teufel, doch der Engel hörte ergriffen der Frau zu, welche von einer Bauzeit von 35 Jahren sprach, jeden Samstag habe Wren den Bauplatz besucht und selbst die Löhne der Handwerker ausbezahlt, und zum Schluss habe man ihn in einem Korb auf den Gipfel der Kuppel ziehen müssen, und als er 1723 starb, 91jährig, da habe er noch gehaucht, durch Gottes Barmherzigkeit habe er ein langes Leben im königlichen Dienst verbringen dürfen. Das Parlament, die Schwatzbude, habe Wren zwar das Honorar um die Hälfte gekürzt, weil der Bau zu langsam voranschritt. Dabei hatte er nicht nur den höchsten Berg in der Stadt geplant, sondern viele andere bedeutende Werke entworfen, nach dem grossen Brand von 1666, der ihm seinen lebenslangen Arbeitsplatz gesichert hatte, nachdem er der grossen Londoner Pest durch eine Reise nach Frankreich entronnen war.
Nun beugten sich die Kinder über das Fenster im Boden, das den Blick in die Tiefe der heiligen Halle freigab, und eines flüsterte: «Gerade so sieht der liebe Gott uns Menschen vom Himmel herab.»
Jetzt floh der Teufel eine steile Eisenleiter hinauf und hinaus an die Luft auf das schmale Gesimse, welches den Gipfel umrundete. Endlich konnte er wieder Luft schöpfen, und seine Augen begannen zu leuchten, denn rund um den göttlichen Berg breitete sich die sündhafte Stadt mit unübertrefflicher architektonischer Barbarei, ein Chaos von Schwarz und Weiss, von Marmor, Granit, Kalk, Stahl und Glas, Türme schossen in die Höhe wie Angsttriebe eines umgestürzten Baumes, Babylon feierte Urstände. Vor allem im Osten wucherte und wuchtete es und brachte zum Ausdruck, dass der heutige Mensch weder an Gott noch an den Teufel glaubte, sondern nur noch an sich selber, an Gewinn und Erfolg und Grösse im Diesseits, an Geschwindigkeit und Macht und Geld. Das zweithöchste Gebäude war eine Bank, noch höher als der Berg und schwarz und leer, und weit im Osten ragte im Sonnenlicht ein Turm, der internationale Gesellschaften beherbergte, nebst viel leerem Raum, und auf dessen Dach eine Art ägyptischer Pyramide gesetzt war, so dass er wie ein stumpfer Finger in den Himmel zeigte, über den gerade ein Helikopter schrurrte. «So haben sich die Menschen einst den Turm zu Babel vorgestellt», flüsterte der Engel, und ein Schatten fiel über sein reines Gesicht.
«Hier haben wir nichts mehr verloren», presste das Teufelchen hervor. «Was sollen wir tun?»
«Hier haben wir alles verloren», murmelte der Engel, schnippte mit zwei Fingern. Plötzlich wallten von Westen schwarze Wolken heran, graue Regenschleier verhüllten die Stadt und ihre Sünden, Tropfen peitschten gegen den Berggipfel, schlugen dem Teufel ins Gesicht, herrlich kühl. Der Grossvater und die Kinder flohen in die Schutzhütte zurück, die Hüttenwartin sprach ins mobile Telefon. Das Unwetter fegte über die Stadt hinweg, wie schwarze Schemen ragten die Hochhäuser und Geldtürme und Papierburgen aus der nebligen Gischt, die Welt löste sich auf in einförmigem Grau. Der Engel und das Teufelchen gaben sich die Hand, traten in eine geschützte Ecke zwischen zwei Säulen und freuten sich der Naturgewalt.
Dann brach die Sonne durch. Der Engel kletterte auf das Geländer, entfaltete seine Flügel, die wieder golden strahlten, lächelte dem Teufelchen zu und entschwebte über die Dächer und über den braunen Fluss und über das unendliche Häusermeer. Der kleine Teufel trat durch eine Tür, über der in deutscher Sprache angeschrieben war: «Weg nach unten». Der Bocksfuss machte ihm beim Absteigen Mühe, er hinkte, doch er stieg bis in die unterste Kaverne, kaufte dort im Geschenkladen einen Plan des Bergs, denn er hatte einen teuflischen Plan gefasst, er kaufte auch ein Buch, das seine Geschichte erzählte, bezahlte mit der goldenen Kreditkarte an einer der vielen Kassen, dann kroch er unter Wellingons schwarzen Sarkophag und enschwand durch einen Spalt in die höllische Tiefe unter dem heiligen Berg.