Das grösste kollektive Leseerlebnis der Welt findet
täglich in der Londoner U-bahn statt. Wer reist, liest. Denn die Fahrt
dauert lang, und die Aussicht ist schwarz. Selbst wenn eine hübsche
Frau gegenüber sitzt, was nicht selten vorkommt, ist Augenkontakt unschicklich,
und die Schöne ist ohnehin in ihr Buch vertieft. Vom schwersten Bestseller
bis zum Taschenbuchklassiker für 60p findet sich alles, was Buchstaben
enthält, und selbst wenn die Leute stehen, lesen sie, eine Hand am
Haltegriff, die andere hält das Buch. Die Zeitung ist natürlich
eine häufige Lektüre, wenn auch etwas unpraktisch, da sie meist
beiden Nachbarn über die Beine hängt, sie ertragen es meist mit
Fassung. Vor Körperkontakt schreckt der hartgesottene U-bahnfahrer
nicht mehr zurück, das gehört zum Alltag. Weit weniger gefragt
ist dagegen das Mitlesen im aufgeschlagenen Blatt. Wer also keinen Lesestoff
hat, keine Firmenakten zum Blättern (häufig) oder das Wörterbüchlein
zum Lernen (selten), der kann sich wenigstens mit der Lektüre der Reklame
die Zeit vertreiben, und die ist oft höchst vergnüglich. Die Krone
der Werbetextkultur verdient dabei die Eigenwerbung der U-bahn. Meine private
Bestenliste führt ein Inserat für Tunnelarbeiter an, Headline:
«You might find the boring work in our tunnels interesting.»
Während der Lesehunger beim Publikum also riesig ist, scheint es bei
den Buchhändlern eher der gewöhnliche zu sein. Bei Foyles, der
grössten und gewiss am dicksten verstaubten Buchhandlung der Stadt,
bin ich einmal auf der Suche nach einem Titel durch die Stockwerke geirrt.
Die Buchhändlerinnen und -händler sassen in der Mehrzahl zurückgelehnt
und gemütlich kauend hinter ihren Pulten. Wenn’s nicht ein Hamburger
oder Sandwich war, dann doch wenigstens ein Kaugummi. Die Antwort auf die
Frage nach dem gesuchten Titel war im besten Fall eine Daumenbewegung nach
irgend einem Gestell. Dass bei solchem Fleiss am «point of sale»
die Lust gering ist, an der Kasse anzustehen und das umständliche Kreditkartenprozedere
über sich ergehen zu lassen, ist eigentlich klar.
Beim Buchservice besteht also eine Marktlücke, sie ist auch schon entdeckt
worden. Die Buchdiebstähle haben sich im letzten Jahr verdreifacht,
auf insgesamt sieben Millionen Pfund in UK. Elektronik soll jetzt retten,
was das Ladenpersonal verschläft. Aber die Buchdiebe sind gut organisiert.
Sie sprechen die Kunden vor dem Laden an, fragen nach dem Titel und liefern
ihn innerhalb von zehn Minuten, «just in time» und zum halben
Preis. Es gibt neuerdings sogar eine Bestenliste der am meisten gestohlenen
Bücher: «The thieves top ten». Wahrscheinlich ist sie aussagekräftiger
als alle andern Bestsellerlisten, die ja bekanntlich nicht das widerspiegeln,
was die Leute wünschen, sondern was die Buchhändler verkaufen
wollen, ohne sich dabei ein Bein auszureissen.
Die Leselust jedenfalls ist ungebrochen.