Der Klassenkampf wird mit Klebeband geführt, das Plakat von «Militant Labour» flappt im Wind, der durch die Mile End Road fegt, es ist mit Scotch an die rohen Bauplanken geklebt. Und dann segelt es zu Boden, der Aufruf zur Aufstand der Massen gegen das Unrecht der Welt, gegen Unterdrückung und Ausbeutung, versinkt im gewöhnlichen Müll, der das Trottoir bedeckt. Ein zweites Plakat liegt schon da, Rückseite nach oben, ich drehe es um. Bengalische Organisationen rufen auf zu einer Demonstration gegen die Kürzung des Schulbudgets in Tower Hamlets um 2 Millionen Pound, auch diese Botschaft versandet im Dreck, obwohl hochglanzgedruckt und farbig, war sie ebenfalls mit Scotch angeheftet. So kann die Revolution nicht funtionieren.
Zufall, Schlamperei, oder Symptom? Ich lese vielleicht Bedeutungen, die ich aus meiner enttäuschten Seele in den Strassenmüll projiziere. Ich gebe zu, ich war einst begeistert vom Projekt einer gerechteren Welt, als Kind einer Arbeiterfamilie. Und jetzt lese ich aus den Zeichen an der Wand, dass eine politische Bewegung, welche die neue Gesellschaft schaffen will, aber nicht einmal in der Lage ist, ein Plakat so zu hängen, dass es klebt, dass eine solche Bewegung niemals funktionieren kann und vielleicht auch gar nicht will. Die Sowjetunion, die DDR, der sogenannte real existierende Sozialismus ist daran gescheitert, dass er zwar die Worte hatte, die Ideen und die Plakate, es aber nicht schaffte, die Dinge wirklich solide zu bauen, die Wirtschaft so zu organisieren, dass sie funktionierte, dass die Produkte etwas taugten. Der Oberlehrer in mir sagt: Beim Plakatkleben fängt es an.
Dabei haben wir doch eben noch eine Schulklasse gesehen, die Fäuste in die Luft gestreckt und auf den Lippen den Schrei: «Revolution!» Und das erst noch auf russisch und vor einem Eisenbahnwagen, in dem Agitpropfilme von Sergej Eisenstein liefen, «Streik!». Die Milizionärin der Bolschewiki, blond, mit braunen Pumphosen und kessem Beret und rotem Stern, hob die Faus nochmals und noch lauter krähten die braven Kinder: «Arbeit! Brot! Freiheit! Revolution!» Und dann ging die Führung im «Museum of the moving Image» weiter, zur nächsten Station, zum Basteln von Filmstreifen fürs Trommelkino. Nur die Museumspädagogin war echt, eine charmante Russin. Der Rest Illusion, und auch wir kannten ja den Aufstand der Massen nur aus den Filmen, «Panzerkreuzer Potemkin», in Wirklichkeit war es wohl ganz anders, nach saurem Schweiss, ranzigem Fett und Schnaps stinkend. Unsere Revolution ist Folklore. In Wirklichkeit heben nicht tausende die Faust, sondern es klebt einer ein Plakat mit Klebbeband an eine Wand und kann kommt ein Winstoss, bläst er es weg und der Kapitalismus existiert real weiter und die Aktien von Scotch steigen.
Weiter vorn an der Whitechapel Road 221 steht heute noch das Haus des Jewish Socialist Club, in dem 1907 der fünfte Kongress der russischen Sozialistischen Arbeiterpartei tagte, Lenin, Stalin und Trotzky sassen hier noch an einem Tisch. Nach und nach sind auch sie auf dem Müll der Geschichte gelandet, der eine als Mörder des andern und von weiteren Millionen.