Lond-on-line 15.2.

Der Bombenknall der Zeitgeschichte hat mich nach Canary
Wharf gelockt, man könnte auch sagen, ich betriebe Trümmertourismus.
Doch Trümmer interessieren mich nun einmal mehr als eine herausgepützelte
Altstadt. Wobei die Docklands ja die Zukunft verkörpern sollen, das
grösste Transformationsprojekt Englands, den Umbau der heruntergekommenen
Hafenanlagen der einstigen Kolonialmacht in die Dienstleistungswelt des
kommenden Jahrhunderts.

Der alte Mann spricht mich an, was hier wohl selten vorkommt, neben einer
Baustelle am Themseufer, wo Betonplatten gegossen werden zu einem neuen
architektonischen Wunder, von denen es schon eine Unzahl gibt, alle zusammen
überragt vom Canary Tower, dem gewaltigen Kristall, von dem manchmal
sogar eine Nebelfahne weht. Der alte Mann geht am Stock, trägt einen
blauen Mantel und auf dem Kopf eine Dächlikappe, seine Frau sei hier
aufgewachsen, er selber stamme aus dem Norden. Als ich erzähle, ich
schreibe an einem historischen Roman, leuchten seine Augen: Hier bewege
ich mich auf historischem Boden. Limehouse heisst das Quartier, «Limestone»,
also Kalksteine seien hier früher von den Schiffen gelöscht worden.
Alles verstehe ich nicht, aber doch, dass die grosse Halbinsel, die nach
Süden vorspringt in die Themse, Isle of Dogs heisst, weil hier einst
der König seine Hunde hielt, bevor die West India Docks gegraben wurden,
begonnen 1802.

Die IRA hat hier, und das wird sogleich klar, ein Symbol der Grossmacht
angegriffen, das Geschichte und Zukunft gleichermassen verkörpert.
Der Lieferwagen mit der halben Tonne Sprengstoff explodierte zwischen der
Mindland Bank und dem Euro Trade Center am Südufer der West India Docks,
zwei unschuldige junge Männer starben, der Zeitungsverkäufer Inan
Bashir, ein Muslim, und sein Gehilfe John Jefferies, der ein Popstar werden
wollte. Auch die zwei Opfer stehen fast symbolisch für die Menschen
hier, die trotz verschieder Religion und Kultur einigermassen friedlich
nebeneinander leben, für IRA-Fanatiker wohl etwas ganz und gar Unverständliches.

Der alte Mann blickt traurig hinaus auf die braune Themse, dann klopft er
mit dem Stock auf den Boden, sagt: «Da unten bauen sie einen Tunnel,
der kostet pro Meile mehr als der Eurotunnel» – dessen Verwaltung
sich auch an der Canary Wharf befindet, nebst Banken, Hotels, grossen Zeitungen,
Ölgesellschaften.
«Wozu der Tunnel?» frage ich.
«Für die U-bahn, die neue Jubilee Line.»

Dann wandere ich flussabwärts, steige eine Treppe hoch, überquere
einen Kreisel und bin sogleich mitten in dem Manhattan aus der Retorte,
umgeben von Wolkenkratzern und architektonischen Scheusslichkeiten jedwelcher
Art – Prinz Charles hat sie in einem Buch kritisiert – die Stillosigkeit
ist augenfällig. Augenfällig ist auch der Blick vom Zentrum über
das Dock zur Südseite, wo die zersplitterten Fassaden der Beton- und
Glasklötze aussehen wie gigantische Gewächshäuser nach einem
Hagelwetter. Die IRA hat die Bombe auch visuell wirkungsvoll plaziert, die
zerfetzten Fassaden sind weithin sichtbar. Zerfetzt sind auch die Fassaden
der Sozialwolkenkratzer, an denen ich auf dem Weg vorbeigekommen bin, aber
nicht von einer Bombe, sondern vom Zerfall, von der sozialen Zeitbombe also.
Die zwei Bomben haben gewiss etwas miteinander zu tun.

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