Das Mädchen mit den Schwefelhölzern trat aus dem Fabriktor, es war der 26. Juni 1888, die Fabrik hiess Bryant & May Ltd.,
ein rotes Backsteingebäude mit zwei Türmen, nahe am Viktoriapark
in Bow. Auf der andern Strassenseite stehen ein Mann und eine
Frau, beide haben ein Bündel Papierblätter in der Hand und verteilen
sie den Frauen und Mädchen, die aus der Fabrik kommen. Einige
drücken sich vorbei, andere nehmen ein Blatt, bleiben stehen,
lesen, Gruppen bilden sich. Bald sind die Frau und der Mann umringt,
bessere Leute, der Kleidung nach zu schliessen. Das Mädchen greift
sich eine Flugschrift und liest: «Weisse Sklaverei in London…»
Das Zündholz wurde 1829 von einem Engländer namens Walker erfunden.
Karl Marx schreibt im «Kapital», man habe im Jahr 1833 in Manufakturen
begonnen, «den Phosphor auf die Zündrute selbst anzubringen».
Die Herstellung von Schwefelhölzern verbreitete sich ab 1845 in
England, ein Zentrum war das East End. Marx schreibt, die Zündholzmanufaktur
sei «wegen ihrer Ungesundheit und Widerwärtigkeit so verrufen,
dass sich nur der verkommenste Teil der Arbeiterklasse, halbverhungerte
Witwen usw., Kinder für sie hergibt… Dante würde in dieser Manufaktur
seine grausamsten Höllenphantasien übertroffen finden».
Die Dame, die vor der Zündholzfabrik Flugblätter verteilte, hiess
Annie Besant, eine Kämpferin für die Rechte der Frau, 41 Jahre
alt. Fünfzehn Jahre zuvor hatte sie ihren autoritären Gatten,
Reverend Frank Besant, verlassen und dabei das Sorgerecht für
ihre Tochter verloren. Nun lebte sie mit Charles Bradlaugh zusammen,
war Mitglied der Social-Democratic Federation und der Fabian Society
und hatte mit dem Journalisten W.T. Stead «Link», eine politische
Wochenzeitschrift, lanciert. Die politische Arbeit führte sie
ins East End, wo sie die Arbeitsbedingungen der Frauen studierte,
die ausgebeutet und unterbezahlt und in ungesunden, vergifteten
Arbeitsräumen ihr Leben fristeten, während die Aktien von Bryant
& May Ltd. im Nominalwert von 5 Pound bei einem Kurs von 18.7
Pound standen.
Was folgte, ist wie aus dem Lehrbuch der Revolutionärin abgeschrieben.
Der Streik der Zündholzmädchen von Bow hat Geschichte gemacht.
Am 5. Juli 1888 legten 672 Frauen die Arbeit nieder, Streikversammlungen,
Streikgeldverteilung, Artikel, Anfragen im Parlament durch fortschrittliche
Abgeordnete, ein Komitee, dem sogar Aktionäre von Bryant & May
beitraten. Das ganze Land stand schliesslich hinter den Mädchen,
den Ärmsten der Armen, die auf die Barrikaden stiegen und nicht
wie Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzern vom individuellen
Glück träumten und dabei erfroren.
Bryant & May Ltd. mussten schliesslich nachgeben, Geldstrafen
und Abzüge aufheben und die Löhne erhöhen. Es formte sich die
Zündholzmacherinnen-Gewerkschaft. Und in der Folge organisierten
sich die Büchsenmacher und schliesslich die Setzer und Drucker.
1889 streikten die Dockarbeiter.
Starke Frauen haben vor einem Jahrhundert im East End die Faust
gehoben und den sozialen Kampf vorangetrieben. Die starke Frau
ist auch heute wieder Tagesgespräch offenbar macht sie den Männern
Angst. «Girls get violent», berichtet besorgt die Zeitung, «shocking!»
Frauen überfallen Banken und in Carby im Nottinghamshire haben
Girls eine 13jährige Schulkollegin mit Fusstritten erschlagen.
Vor Gericht steht eine Zwölfjährige, die vor vier Jahren in Farnborough
die 18jährige Coiffeuse Katie Rackliff mit 27 Messerstichen umgebracht
hat.
Jack the Ripper hätte wohl heute kein so leichtes Spiel mehr mit
seinen Opfern. Im Herbst 1888, nach dem erfolgreichen Streik der
Zündholzmädchen, hat er im East End fünf Dirnen umgebracht. Die
These, dass ein aufgebrachter Zündholzaktionär, der sich durch
den Frauenpower bedroht fühlte, das Messer gezogen haben könnte,
ist den Ripperologen bisher nicht in den Sinn gekommen.