Unser Betrug wäre beinahe aufgeflogen, der Computerchip
in der Billettkontrollmaschine der Londoner Verkehrsbetriebe war schlauer
programmiert als die Gehirne der schlauen Computerexperten aus der Schweiz.
Es war zwanzig nach neun und die Tageskarte des Freundes gewann erst zehn
Minuten später ihre Gültigkeit. Doch Zeit ist Geld, sagen wir
Schweizer, und also reichte ich dem Freund meine Monatskarte über die
Barriere hinweg. Er schob sie in den Schlitz der Maschine, doch die Klappen
öffneten sich nicht, dafür setzte Pfeifen ein und die rote Anzeige
sagte: «seek assistance». Nun ist es ja mit diesen Assistenten
so, dass sie immer da sind, wenn man sie nicht braucht, und umgekehrt. Der
schlaue Chip hatte sich offenbar meinen Eintritt gemerkt und meine Nummer
gesperrt, der Trick ist ja doch allzu offensichtlich. Ich verdrückte
mich und liess meinen Freund mit dem schwarzen Assistenten mit den langen
Rastalocken diskutieren, der sich plötzlich für die zwei Billette
interessierte, die noch nicht gültige Tageskarte und die nicht mehr
gültige Monatskarte – ohne den zugehörigen Personalausweis notabene.
Verdächtig im Quadrat also, schon sah ich meine Monatskarte entschwinden
und den Freund irgendwo auf einem Büro diskutieren. Doch der freundliche
Beamte schöpfte keinen Verdacht oder wollte keinen schöpfen, was
soll man sich den schönen Morgen mit einem Streit verderben. Er drückte
aufs Knöpfchen, alles ok.
Pjotr Kraska, der Zürcher Schwarzfahrerkönig, müsste einmal
in London ein bisschen üben. In vier Monaten habe ich erst eine Kontrolle
erlebt, allerdings standen da die Beamtinnen und Beamten gleich zu viert
im Tunnel und machten sehr strenge Gesichter. Die Busse von zehn Pound,
falls man keinen gültigen Fahrausweis auf sich trägt, hält
sich jedoch in Grenzen. Ansonsten sorgen die Automaten für oberflächliche
Kontrolle, siehe Beispiel. Es gibt nun aber Stationen, die komischerweise
über keine «Machines» verfügen, vor allem an der Peripherie.
Man kann sich also Fahrten zum Nulltarif zusammenstellen, wenn man weiss,
wo ein- und wo aussteigen. Zusätzliche Sicherheit bietet ein Billett
für eine der sechs Tarifzonen. Gibt es beim Ausgang ein Problem, kann
man immer noch die vorweisen und nachzahlen.
Die Maschinen kann man natürlich auch anders überlisten. Wenn
sich die Klappen öffnen, läuft man einfach zu zweit durch, denn
das Mass ist für dickere Kaliber konzipiert, als der Durchschnitt.
Ein kurzer Blick in die Runde, ob eine orangerote Uniform in Sichtweite
ist, lohnt sich. Dass ein Passant reagieren würde, ist absolut ausgeschlossen.
Betrug ist Privatsache, wie alles andere auch. Streit gibt es höchstens,
wenn man auf der Rolltreppe auf der falsche Seite steht. Wird man doch angehalten,
kann man immer noch sagen, man trainiere für den Eintrag ins Guiness
Buch der Rekorde: Die höchste Zahl von Leuten, die mit einem einzigen
Billett die Londoner U-bahn besteigen konnten.
Die berühmten Londoner Zweistockbusse, als Verkehrsmittel ziemlich
unzuverlässig, nehmen es mit den Billetten auch nicht besonders genau.
Zielbewusst einsteigen und dem Fahrer etwas vorweisen, was wie eine Fahrkarte
aussieht, ist meist erfolgreich. Es gibt aber auch noch Busse mit Kondukteur.
Hier hat sich die freundliche Tour bewährt. Man bittet den Schaffner,
einen bei einer bestimmten Strasse aussteigen zu lassen, natürlich
kennt er sie nicht. Es entspinnt sich nun aber eine Diskussion, an sich
bald der halbe Bus beteiligt: Wo ist die Strasse und welches die richtige
Haltestelle? Die Engländer sind sehr hilfsbereit, kann man bei der
Gelegenheit auch wieder einmal erleben, man muss nur fragen. Der Schaffner
entschuldigt sich, er habe leider gerade die Brille vergessen. Hat sich
der Bus endlich demokratisch für die richtige Haltestelle entschieden,
bei der man die Gäste aussteigen lassen will, hat sich die Frage nach
dem Fahrausweis erübrigt, sie wäre sogar sehr unhöflich.
Am Abend stehen bei den Billettmaschinen manchmal Bettler, welche um die
Tageskarte bitten, falls man sie nicht mehr braucht. Gibt man sie weiter,
ist das nicht einmal Betrug, denn sie ist übertragbar, so ist beiden
doppelt geholfen. Der arme Mensch kann gratis ans Embankment fahren, wo
er unter einer Brücke einen trockenen Schlafplatz findet, und der reiche
Mensch wandert nach der guten Tat glücklich nach Hause, gekostet hat
sie erst noch nichts.
Meine Zeitung hat letzthin ein kleines Kompendium von Betrügereien
publiziert, welche in London gang und gäbe sind. «Nicht als zum
Nachmachen, sondern um sie zu bekämpfen», schreibt sie, und gibt
dann genüsslich detaillierte Anleitungen. Die beste Idee ist folgende:
Auf drei Grossbanken in der City ein Konto eröffnen. Dann fleissig
grössere Beträge vom einen auf das andere überweisen. Die
rege Geschäftstätigkeit wird die drei Banken in kurzer Zeit von
der Kreditwürdigkeit des virtuellen Unternehmens überzeugen, sie
setzen die Kreditlimite hinauf. Ist sie hoch genug, Kredit beziehen und
verschwinden. Das Verfahren erinnert an unseren Miteidgenossen Werner K.
Rey, der schliesslich auch in London sein Handwerk gelernt hat.