In dieser Taverne erklingt kein Kriminaltango, sondern
das hohe Lied der Poesie. «Bar, Saloon», steht an der Tür,
und im verrauchten Raum der Access Tavern ergreift mich sogleich Wildweststimmung.
Ein paar Männer hocken stumm herum, zwei murmeln sich Geheimnisvolles
ins Ohr, der Barkeeper, Rossschwanz, Tätowierungen am Arm, zapft Bier,
ein künstliches Kaminfeuer flackert. Hier sieht nichts nach Poesie
aus, sondern nach einem prosaischen Sonntagabend, die meist grauhaarigen
Männer starren ins Glas, der Fernseher läuft, halb acht ist längst
vorbei.
Stephen Watts tritt ein, beladen mit Plastiktaschen, schmal, Eierkopf, Drahtbrille,
der Dichter Balduin Bählam, wie ihn Wilhelm Busch gezeichnet hat. Was
denn sein Beruf sei, habe ich ihn einmal gefragt. «Poet», hat
er sehr distinguiert geantwortet. Wovon lebt ein Poet? Die Frage kann nur
einem totalen Banausen in den Sinn kommen, darüber verliert ein Poet
doch kein Wort, sein Dasein gilt nicht Fisch und Chips, sondern der Sprache
an sich. Zudem ist Poesie, wie wir inzwischen wissen, gesund. Stephen bestellt
ein grosses Guiness, was ja auch gesund sein soll, «Nährbier»,
sagte meine deutsche Stiefmutter zum dunklen. Aha! Das ist also der Stoff,
der die Dichtung nährt.
Stephen ist sehr unnahbar. «Ja, ich rufe dich an», hat er gesagt.
Doch ich habe ihm meine Nummer schon drei Mal gegeben, er verliert sie sogleich
wieder. Rufe ich ihn an, hat er nie Zeit, die Poesie hält ihn auf Trab.
Doch an diesen Abend hat er mich eingeladen. Er grüsst knapp, geht
dann gleich zu zwei Weisshaarigen, die an einem Tisch sitzen. «Die
Lesung», ruft er mir noch zu, «ist dann oben.» Oben ist es
dann wie einst bei den schreibenden Arbeitern. Da liegen schon die Heftchen
mit dem Selbstverfassten auf einem Tisch zum Kauf. Ein sehr Weisshaariger
begrüsst, ein anderer liest zuerst Gedichte von Rosie, der Ältesten
der Gruppe, 86, leider konnte sie nicht persönlich erscheinen, sie
hat böse Beine. Nur etwas ist anders als damals im Café Boy
im Sihlfeld: Man diskutiert nicht. Mit todernstem Gesicht und voller Hast
spulen alle ihre Gedichte ab, ob es nun um Liebe oder einen alten Baum oder
den Klassenkampf geht. Eine Dichterin mit Mausgesicht und strengem Knoten
liest bewegungslos und zeigt auch beim Applaus kein Gefühl. Die Gefühle
haben alle ins Wort delegiert. Rauch durchwolkt den tristen Saloon. Etwas
Heiterkeit kommt nur auf, als einer das Gedicht eines Roboters vorliest,
der falsch programmiert ist, und dann selber promt den Schluss in seinem
Notizblock nicht mehr findet. Aber vielleicht war das ja die Pointe.
Drei der Männer, grau auch sie, entpuppen sich dann als Übersetzer
russischer Poesie, sie rezitieren zweisprachig und führen überaus
kenntnisreich ein ins Werk von Velimir Khlebnikov, Leonid Aranzon und Arkady
Dragonmoshchenko. Das provinzielle Treffen der schreibenden Arbeiter wandelt
sich unvermittelt zum hochliterarischen Seminiar, ich staune. England ist
offensichtlich ein Land der Poesie, Gruppen wie die Approach Poets gibt
es in allen Stadtteilen Londons. Die Zeitungen bringen jeden Tag ein «Daily
Poem», die tägliche Ration Poesie, in der U-bahn hingen vergangenes
Jahr Plakate mit Gedichten, Gedichte mit Umweltthemen werden in diesem Jahr
auf Bussen der Innenstadt publiziert.
Am Schluss des poetischen Abends in der Access Tavern geht ein Aschenbecher
herum, man legt ein paar Münzen hinein für die drei Übersetzer,
die sich hervorragend vorbereitet haben. Dann ist wieder ein Guiness fällig.