William Booth versprach den Himmel für alle in East London, und so ist wohl sein ausgestreckter Zeigefinger zu verstehen, der gegen Osten zeigt, zur aufgehenden Sonne über der Mile End Road, sein spitzer Bart, sein Blick, sein vom Wind umwehter Uniformmantel, der offen steht, alles in grauem Metallguss erstarrt. Regen fällt. Eine Polizeistreife verhaftet gerade einen Schwarzen auf einem Velo. William Booth schaut zu und schweigt.
Die Statue erinnert ein wenig an ET, an den Zeigefinger des Ausserirdischen im Film von Spielberg, und seine verzweifelte Bitte «Nach Haus!» ET meinte die Heimat im Weltraum, auf einem fernen Stern. Der sozial engagierte «Free-lance Evangelist» Boot, Sohn eines Immobilienspekulanten, wollte den Armen ein Stück des Himmels jedoch schon ins Diesseits bringen, der Zeigefinger zeigt denn auch nicht senkrecht, wie jener von ET, sodern schräg. Es gibt einen Weg, nicht bloss Demut.
Am Sonntag, dem 2. Juli 1865 stellte sich William Boot an der Mile End Road auf eine Kiste und begann zu reden. Mangels Geld trafen sich seine Anhänger in der Folge zuerst im Freien, später in einem alten Lagerhaus. Wenn sie die Fenster öffneten, warfen Nachtbuben Steine. Später kauften sie den «Eastern Star», eine heruntergekommene Pinte. Jede Nacht wurde gebetet und Nahrung ausgegeben, das zweitere war wohl gefragter als das erster. Die Geretteten bekannten sich öffentlich zu ihrer Bekehrung.
Der Schwarze ist inzwischen abgeführt. Dunkel gekleidete Herren und Damen mit Regenschirmen treten vor das Denkmal, Kameras blitzen. Die Herren tragen Kapitänshüte mit weinrotem Band, Emblem und Schriftzug. «The Salvation Army» oder «Armée du Salut». Weisse Hemden, Kravatten, die Damen runde Bowler, sauber und schneidig.
«Woher kommen Sie?» frage ich einen Herrn mit französisch beschriftetem Hut. Er ist Heilsarmee-Offizier aus Französisch-Kanada. Die Damen und Herren seien Offiziere aus aller Welt, erzählt er, USA, Honkong, Japan, Australien, Belgien, in einem zweimonatigen Kurs in London. Jetzt besuche man die historischen Stätten. Weiter vorn an der Strasse steht nochmals Boot, eine Broncebüste, Blick nach Süden. Rechts der Pub Blind Beggar, einst Sündenpfuhl, wo die Bewegung in ihren Anfängen sang und missionierte und erstmals ihre Zeitung «War Cry» verkaufte. Der Kanadier lächelt, erzählt, streicht über sein elegantes Schnäuzchen. Für die leise Rede eines alten Heilsarmisten vor dem Denkmal des Gründers interessiert er sich nicht.
William Boot war schliesslich General eine Armee, die militärisch organisiert gegen Armut, Unglaube und soziale Unterdrückung kämpfte. «Ich klage für die Verlorenen, für die Ausgestossenen, für die Enterbten diese Welt.» Das klingt schon fast wie: «Wacht auf, Verdammte dieser Erde …» Boot rekrutierte seine Soldaten und Soldatinnen unter ebendiesen. Boot kämpfte auch für die Würde der Arbeiterklasse: «Eines Mannes Arbeit ist nicht nur sein Kapital, sie ist sein Leben. Wenn es vorbeigeht, kehrt es nicht wieder.» Seine Botschaft drang, offensichtlich, in die Welt. Die Offiziere aus allen Ländern wandern weiter die Whitechapel Road hinab gegen die Stadt. Vor dem «Boot House», einem langen, sechstöckigen Bau mit Unterkünften für die Armen und Obdachlosen, liegen Decken, schmuddlige Schlafsäcke und stinkende Lumpen. Der richtige Ort für die Weiterbildung der eleganten Offiziere der Heilsarmee.