Lond-on-line 14.3.

Er kratzte den Kalk seiner Kollegen aus dem Klo, eine plötzliche Putzssucht hatte ihn gepackt. Er löste mit dem
Messer den gelben Belag von den Kacheln, ersetzte den Duscheschlauch,
legte die Brause in Säure, er schrubbte mit Lappen und Bürste
klebrigen schwarzen Dreck hinter dem Lavabo und hinter der Spülschüssel
hervor, staubsaugte unter dem Bett und das ganze Bettgestell und
alle Schränke und reinigte die Tablare mit Schmierseife, desgleichen
Treppen, Geländer, Gesimse, Absätze und Türrahmen und Türen. Es
würde zu weit führen, alle Rohre und Bleche und Winkel und Kanten
und Ritzen und Spalten aufzählen, in die er in der Küche mit einem
spitz gezwirbelten Tuch hineinbohrte und daraus Fett und verschimmeltes
Mehl und verrostete Nägel und irgendwo noch einen alten Penny
hervorgrübelte. Alles Geschirr wusch er mit kochendheissem Wasser
ab, rückte dem Herd mit Seifenwatte auf die Platten und dem Backofen
mit Spray. Schliesslich putzte er alle Fenster und Fensterbänke
und Fenstersprossen und Rahmen, schraubte selbst die Gitter von
den Oberlichtern und reinigte sie Stab um Stab mit Bürste und
Fegsand, so dass wenigstens die Fliegen nicht mehr kleben blieben.

Ja, es war eine Sucht. Begonnen hatte es schon in der ersten Nacht,
der Fremde erinnerte sich wieder, er hatte das Erlebnis rasch
verdrängt. Er hatte das Haus betreten, die kahlen Räume durchschritten
und dann festgestellt: Sauber! Es roch nur etwas nach ranzigem
Fett und Rauch, sein Vorgänger war offenbar ein Liebhaber jener
französischen Zigaretten gewesen, welche in den sechziger Jahren
die Intellektuellen rauchten, sein Vorgänger war ein Schriftsteller,
der in den sechziger Jahren irgendeinmal irgendwelche Schlagzeilen
gemacht hatte. Nun war Rauchen ja nicht verboten, nur etwas aus
der Mode gekommen. In der ersten Nacht war er also erwacht, die
Leintücher, das Kissen, die Bettdecke, die Matratze rochen nach
Rauch, gelinde gesagt. Im Klartext: die Wohnung stank nach Wartsaal.
Aber Gestank ist bekanntlich relativ, und der Fremde war ein toleranter
Mensch, meinte er wenigstens, er wechselte die Wäsche, warf alles
in die Waschmaschine, was er in den Schränken fand, lüftete und
sonnte und klopfte und zündete Duftkerzen an.

Der Fremde war tolerant, nur Dreck und Rauchgestank tolerierte
er offenbar nicht, was er als ganz neuen Zug an sich selber entdeckte.
Warum? fragte er sich immer wieder, wenn er fegte, klopfte, kratzte,
saugte, spülte, wischte, schrubbte, polierte und wusch. Hatte
es etwas mit seinen Vorgängern in der Wohnung der Stiftung zu
tun, die Schriftsteller unterstützte, Kollegen also, aber alle
bekannter oder erfolgreicher oder berühmter oder berüchtigter
als er? Musste er irgend ein Ressentiment abreagieren, sich bestätigen
in dem herrlich schmerzvollen Gefühl, dass seine prominenten Kollegen
zwar über jeden Schmutzfink der Welt öffentlich und eloquent loszogen,
Worte waren billig und wurden sogar noch honoriert, selber aber
Kalk im Klo und Fett im Backofen hinterliessen, es gab ja Dienstmädchen.
Und das Putzinstitut, das aber offenbar nur den Boden wichste
und die Stühle auf den Tisch stellte, nicht einmal einen Blick
unters Bett hatten die Reinigungsfachleute geworfen. Nun wollte
er ja keinen seiner Kollegen direkt behaften, und so verteilte
er Staub und Schmutz gleichmässig über alle seine Vorgänger, geistig
natürlich, aber am liebsten hätte er wirklich gemacht: Hier eine
Schaufel, dort einen Kübel und jedem eine Handvoll Kalk aufs Haupt.

Der Fremde putzte also, statt dass er an seinem Roman schrieb,
und er prüfte auch die Theorie, dass er mit Putzen vielleicht
gar eine existenzielle Krise überspielte, vielleicht konnte er
gar nicht mehr schreiben, hatte die berühmte Blockade, das Putzen
war nur Vorwand, doch es hatte wenigstens einen Sinn. Vielleicht
putzte er, weil er im Schreiben keinen Sinn mehr sah. Was war
denn Schreiben? Auch Schreiben war doch nur ein Vorwand, nichts
zu tun. Dem gewaltigen Schmutz in der Welt, dem Schmiergeld, den
gestrandeten Öltankern, den verrostenden Atom U-booten, dem Verkehrsterror,
dem Ozonloch, den Diktatoren, Henkern und Massenmördern konnte
man doch nicht mehr mit Worten kommen, wie seine Kollegen vorgaben,
nur noch mit Taten. Hatte nicht schon Gottfried Keller gesagt,
dass im Hause beginnen muss, was leuchten soll im Vaterland? Er
bezog das nun ganz konkret auf die Kacheln und Böden und Fenster
und ganz besonders auf die Spiegel, auf denen er jeden Wassertropfen
wegpolierte, er wollte endlich klar sehen. Und schliesslich montierte
er auch noch die Lampenschirme ab, wusch sie, trocknete sie und
setzte neue Birnen ein, Klarsicht.

Der Fremde putzte triebhaft, suchte nach Dreck wie der Süchtige
nach Stoff oder der Mann nach dem Weib, und wenn es strahlte und
funkelte und er erschöpft hinsank und einen Kaffee trank, war
es wie nach einem Liebesakt. Ein Psychologe hätte seine Putzsucht
wohl als Sublimation sexueller Energie interpretiert und eine
Reihe von Sitzungen verordnet oder eine Urschlamm-Therapie. Er
putzte weiter.

Als alles blitzblank war und kein Krümel und kein Sandkorn mehr
zu finden, stürzte er in tiefe Depression. Da fiel ihm ein, dass
ihm in einer Schublade unter vergilbten Zeitungen eine Diskette
in die Hände gefallen war, zuerst wollte er sie fortwerfen, denn
auch fremde Disketten sind, wie man weiss, oft mit Computerviren
verschmutzt, der unsichbare Schmutz ist bekanntlich der schlimmste.
Doch er hatte sie aufgehoben, nun stach ihn die Neugier, er schob
sie ins Laufwerk seines Computers, nachdem er den Bildschirm nochmals
poliert und sämtliche Virenschutzprogramme gestartet hatte. Die
Diskette enthielt ein einziges Dokument, einen Text mit dem Titel:
«Das Jahr in der Schweinebucht». Es war ein gewaltiges Elaborat,
jedenfalls dem Umfang nach, tausend Seiten, ein Protokoll der
Einsamkeit, des Leidens an dieser Welt, an ihrer Schlechtigkeit
und ihrem Schmutz, es war der Aufschrei des letzten Reinen unter
fünf Milliarden Befleckten. Das Manuskript musste von einem seiner
Vorgänger stammen, einem der berühmten Autoren, doch offensichtlich
war es nie im Buchhandel erschienen, warum auch immer. Auch der
Buchhandel war ja korrupt, es gab Verlage, die druckten nur Bücher,
um Drogengeld zu waschen.

Und wie der Fremde über seinen Fund nachdachte, fiel ihm plötzlich
ein, dass Gerüchte im Umlauf waren, H., der berühmteste seiner
Vorgänger in der Wohnung der Stiftung, sei bei seinem Aufenthalt
von einem Auto angefahren worden, von rechts und unter mysteriösen
Umständen, H. sei gegen den Randstein gestürzt und habe das Gedächtnis
verloren. Seither habe er wenig veröffentlicht, nur ein kleines
autobiografisches Werk, wie er nach dem Unfall um sein Gedächtnis
rang, selbst die Sprache musste er sozusagen Wort für Wort neu
erlernen. Die Kritik hatte das Büchlein wohlwollend gelobt, man
anerkannte seine Willenskraft und verwies auf sein bedeutendes
Werk, in dem allerdings eine seltsame Lücke klaffte. Während seines
einjährigen Aufenthaltes in der Wohnung der Stifung hatte er nichts
geschrieben, die Kritik sprach von Schreibstau und Lebenskrise
und eine Boulevardzeitung brachte sogar das Gerücht in Umlauf,
bei dem Unfall habe es sich um einen Selbstmordversuch gehandelt.

Das alles ging dem Fremden durch den Kopf, während der Text über
den Bildschirm rollte, tausend Seiten, ein Jahrhundertwerk. Er
tippte seinen Namen dazu, legte einen dicken Stapel Papier in
den Drucker und startete. Während sich Seite um Seite füllte,
wusch er die Kaffeetasse ab und ging Duschen. Dann trocknete er
die Kacheln und die Wanne und polierte den Wasserhahn. Der Drucker
lief noch immer.

Die Geschichte verdanke ich lebendiger Erfahrung und einer Idee
von Klemens Polatschek.

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