Hypertext ist sichtbar gemachte Kontextualität sagte der Philosoph, kurz bevor er mich verlassen hat. Heinz und
ich haben uns über Form und Stil von Text unterhalten, akademisch
und anregend, nach einem Spaziergang zur Themse hinab. Literarische
Formen werden von Medien vorgegeben, wachsen innerhalb einer Medienkultur.
Das Hörspiel beispielsweise ist mit dem Medium Radio entstanden,
der Roman mit dem Buch, die Reportage mit der Zeitung, Gedichte
entstammen wohl der mündlichen Überlieferung von Inhalten, dem
Lied mit Reim und Rhythmus. Es ist eine Technik des Memorierens,
die wichtig war, bevor es den Druck oder den Computer gab. Es
gibt eine Arabische Grammatik in tausend Versen.
Das Medium setzt die Form, eine etwas rigorose Aussage, in der
Tendenz wohl richtig. Stil dagegen ist das Sprachmaterial, das
ich in die Form giesse. «Der Stil ist der Mensch selbst», sagt
ein Stilist. Ich verfüge also über ein bestimmtes Sprachmaterial,
Wörter, Begriffe, Bilder zu Wörtern, Satzmuster, Vorbilder. Mit
diesem persönlichen Sprachmaterial fülle ich eine Form aus. Giesse
sie wie den Teig in den Gugelhopf. Stil ist also etwas Individuelleres
als Form. Stil, sagt Heinz, sei die Brücke zwischen dem Individuum
und der (lesenden) Gesellschaft. Klar, es geht um Sprache, um
etwas Verbindendes, das gemeinsames Verständnis voraussetzt. Stil
ist also nicht so individuell wie zum Beispiel Gefühl oder Geschmack.
Form ist zuallererst einmal eine Idee. Vielleicht wie in der Architektur:
Der Architekt entwirft das Haus: Kubus, Dach, Umriss, Grundriss.
Das ist die Form, wie beim Text der Aufbau – Bau also: Titel,
Lead, Text, Zwischentitel bei einem Zeitungsbericht. Das gehört
zur Architektur des Zeitungsberichtes. Nun fülle ich die Form
mit Sprache, mit meiner Art zu schreiben also, mit Sätzen, Ellipsen,
Metaphern, Redewendungen, Floskeln, Zitaten, direkter, indirekter
Rede, was immer eben meinen Stil ausmacht. Ich schreibe, wie ich
kann, anders geht es gar nicht.
Wenn die Aussage stimmt, dass sich Formen innerhalb einer Medienkultur
entwickeln, muss also ein neues Medium wie Internet neue Formen
gebären. Und hat sie schon: Die Home-Page ist so eine Form. Eine
Startseite, möglichst nur eine Seite eben, wo sich der Autor,
die Autorin, die Firma kurz präsentiert, in Bild und Text, dann
Verzweigungen zu Angeboten bereitstellt. Hyperlinks eben, denn
im WWW des Internet ist Hypertext das Grundmuster. Der lineare
Text ist durchbrochen mit den Links. Es gibt also eine neue Lesekultur,
heute salopp «surfen» genannt. Hypertext muss also zwingend zu
einer neuen Schreibkultur führen. Hier versuche ich das ja ein bisschen: Lond-on-line ist
das Herantasten an die neue Form. Ich versuche, in meine Texte
Hyperlinks einzubauen, noch rudimentär natürlich, ich weiss. Vielleicht
lerne ich das in diesen Monaten, vielleicht verleidet es mir wieder
und ich kehre zum gedruckten Text zurück und zum Tagebuch in Handschrift
und mit dem Schlüsseli, das Herzblut speichert, nur für mich selber.
Hyperlinks, so sagt Heinz, sind ja nichts Neues, da hat er recht.
Jeder Mensch macht, wenn er liest, andauernd «Hyperlinks» im Kopf.
Jeder Begriff ist ein Klick, ruft Hintergrund, Bilder, Erfahrungen
ab. Oder dann greift man nach dem Lexikon und schlägt nach. Oder
fragt jemanden. Im Hypertext ist das einfach mechanisiert und
automatisiert. Unser Denken wird also ein wenig an die Maschine
delegiert. Teufelswerk? Vielleicht. Sichtbar gemachte Kontextualität
sagt dem der Philsoph, der jetzt schon wieder im tief verschneiten
Zürich ist.