Lond-on-line 1.4.

Der grosse Bruder beobachtet mich durch das Fenster im zweiten Stock seines Reihenhauses, im schmalen Garten blühten Osterglocken und Krokusse und an den Ranken am Eisengitter spriessen die ersten Blättchen. «George Orwell, 1903 – 1950, Novelist and Political Essayist lived here.» Die Fassade ist gelb gestrichen und sauber, die Gedenkafel blau und rund. Vom Portobellomarkt kommend, haben wir sie gesehen, ein reiner Zufall, und sind stehengeblieben.

George, der grosse Bruder, steht hinter dem Fenster, blickt herab, fährt sich mit gespreizten Fingern durchs Haar und lächelt. Er sieht aus wie mein Vater, hager im Gesicht, hochgewachsen, faltig und ernst. Das Vorbild. Der Visionär. Der Kämpfer. Im spanischen Bürgerkrieg hat er nach der Waffe gegriffen und nicht nur nach Ausreden. «Mein Katalonien», ein wunderbares Buch. An uns vorbei spaziert gerade eine Gruppe junger Spanier, doch sie drehen sich nicht um nach dem kleinen gelben Haus in dem der Mann lebte, der einst ihre Republik verteidigt hat, mit Worten und Patronen, mutig und erfolglos. In Bristol habe ich eine versteckte Gedanktafel für die gefallenen britische Spanienkämpfer gesehen, 526 haben ihr Leben gegeben. George Orwell hat, trotz einer Schussverletzung, überlebt. Gestorben ist er, wenn ich mich recht erinnere, an den Folgen übermässigen Rauchens. Wie mein Vater also.

Und «Animal Farm» hat er geschrieben, die Perversion der Revolution zur Diktatur. Und das visionäre 1984. George nickt und seine Blicke folgen den Menschen, die so sorglos vom Markt zur U-bahn spazieren. Er weiss, dass die Realität seine Fiktion längst überholt hat. Allein auf dem Londoner U-bahnnetz sind 14’000 Überwachungskameras installiert, Big Brother lauert nicht nur im Televisior oder im Internet. Jede Strasse, jeder Zaun, jedes Bürohaus ist überwacht. Es ist wohl in dieser Stadt kein Schritt im Videoschatten möglich. Schon im Roman 1984 haben die Mächtigen die totale Überwachung mit der Bedrohung durch den Feind gerechtfertigt. Wie heute durch die IRA. Der Terror hat der Diktatur schon immer in die Hände gespielt.

Geoff Peck wollte vor acht Monaten seinem Leben ein Ende setzen, trat ins Freie und schlitzte sich die Pulsadern auf. Eine Kamera hatte ihn im Bild, ein Polizist sass am Überwachungspult, alarmierte die Ambulanz. Geoff Peck wurde gerettet und war dankbar. Kürzlich sah er seinen Selbstmordversuch im Fernsehen. Die Behörden hatten den Video an verschiedene Stationen verkauft, um damit für die Überwachungskameras zu werben. Man wollte zeigen, dass Big Brother auch Leben rettet. Geoff wurde nicht gefragt.

Ja George, manchmal frage ich mich, was Du heute wohl schreiben würdest. Welche Visionen Du in dieser Welt der Videoüberwachung, des Internet, der Kreditkarten und der Datenbanken für das Jahr 2046 entwickeln würdest. Sacht wiegt er den Kopf, zeigt mit dem Finger nach oben. Ich weiss, Du bist im Himmel. Dort gibt es keine Geschichte und keine Geschichten.

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