Mettmen liegt unter dem Westway, das Alpenglühen findet
in der Fensterfront des nächsten Wohnblocks statt, leise rauscht der
Verkehr über unseren Köpfen. Alan und mich stört das nicht,
unser Ziel ist die oberste Kante der überhängenden Betonwand,
einen Meter unter dem grauen Deckel der Autobahnbrücke. Eine «schräge»
Welt, doch wie soll man sonst den Raum unter dem riesigen Autobahnkreuz
in West London nutzen? Sport ist vielleicht nicht das Schlechteste für
die Jungen der Gegend, durch die Alan bei Nacht nicht gehen würde,
sagt er, obwohl er vier Jahre in New York gelebt hat. Zerbröselte Autofenster
am Strassenrand, ein Volvo, dem die Räder fehlen. Das Sportzentrum
jedoch macht einen ordentlichen Eindruck, Tennishallen, Fusballplätze
und im Freien die Betonklötze zum Klettern, einer so spitz wie das
Matterhorn, gerade recht für einen kühlen Abend.
Mettmen wäre natürlich schöner, jetzt ist die Zeit, in der
in mir die Sehnsucht nach den Urgesteinsklötzen erwacht, die ein Riese
am Fuss des Gandstocks, eine halbe Stunde oberhalb des Garichtestausees
auf der Mettmenalp, hingeschleudert hat. Die braunen Hänge mit dem
ersten Anflug von Grün, Schneeresten in den Schattenhängen, Sonne
im Fels, der Glärnisch gegenüber gewaltig mit seinen Bändern
und Runsen und Gletschern. Als Kind gingen wir mit Vater und Mutter nach
Mettmen in die Heidelbeeren, unbewusst ist das Gefühl, das mich jeden
Frühling packt, vielleicht die Sehnsucht nach der Kindheit, als sie
noch heil war. Übernachten unter Wolldecken, Kuhglocken, Schweiss,
Brot und Käse und süsser Tee, irgendwo auf Steinen sitzend genossen.
Die Kletterfelsen von Mettmen sind völlig bedeutungslos und bedeuten
mir doch Heimat, so schwülstig das auch klingen mag. Heimat sind mir
die Steine, nicht die Menschen, Vater und Mutter längst tot, irgendwo
in der Fremde begraben. Wenn die Sonne fällt im Westen der grosen Stadt,
färbt sie den grauen grausigen Beton ein bisschen rötlich und
verzaubert die öde Welt, und ich will an Mettmen denken und an all
die glücklichen Tage und Stunden.
«Wenn Du einmal in die Schweiz kommst», sage ich zu Alan, «werden
wir an einem wunderschönen Ort klettern zusammen.»
Er schaut melancholisch in den Abend, sagt nichts.
Ich schaue den Jungen zu. Da klettert ein Glatzköpfiger, der aussieht
wie ein Neonazi, aber er klettert nicht schlecht, und vielleicht findet
er den Weg über die Plastikgriffe am Beton hinaus in die Natur, und
vielleicht findet er sein Mettmen. Vielleicht reicht es auch, wenn er da
seine Kraft spüren kann und sein Körpergefühl entwickelt
und dabei nichts Nützliches schafft, aber wengistens keine Autoscheiben
einschmeisst oder mit dem Messer herumfuchtelt oder als Hooligan in Wembley
mit Bierflaschen um sich wirft. Das Sportzentrum unter der Autobahn hat
gewiss einen Bruchteil der Betonpfeiler und Brücken gekostet und bringt
vielleicht mehr gesellschaftlichen Nutzen. Und auch Alan und ich, wir zwei
Frührentner, geniessen es. Wir sitzen schweigend im kühlen runden
Kies und schauen den andern zu, die sich in den Vorsprüngen und Dächern
mühen. Unsere Muskeln schmerzen, wir sind müde.
«Du musst unbedingt einmal die Schweiz kommen», sage ich zu Alan.
«Es gibt dort ein Gebiet, hoch in den Bergen, in wunderschöner
Landschaft, mit Felsklötzen wie hier, nur eben mit richtigen.»
Er nickt. Ich weiss, Alan, du wirst nicht kommen.
Wir schweigen, und ich erinnere mich. Als wir das letzte Mal von Mettmen
mit der Seilbahn ins Tal fuhren, sprach mich ein Kletterer an, stellte sich
als Bruno Bolliger vor. «Ich kenne Dich», sagte er.
Ich kannte ihn nicht, aber sein Name war mir geläufig. Kurz bevor ich
1979 den Literaturpreis der Landis & Gyr Stiftung erhalten hatte, war
er entlassen worden, aus politischen Gründen. Ich hatte beim Preisverleih
auf den Fall Bezug genommen, ohne seinen Namen zu nennen, mehr Toleranz
gewünscht von der Firma, nicht nur in kulturellen, sondern auch in
politischen Angelegenheiten. Damals war ich auch Gewerkschafter. Das hatte
natürlich nicht allen Herren der Geschäftsleitung in den Kram
gepasst, es hatte ein bisschen die Feierlichkeit gestört, man hatte
Bemerkungen fallen lassen beim Mittagessen, neben mir sass Jeanne Hersch,
sie hatte die Laudatio gehalten. Dass ich nun doch nochmals gefördert
werde, und in London leben kann, ist doch ein Beweis der Toleranz der Stiftung,
meine ich. Landis & Gyr ist vor kurzem verkauft worden. Ich sprach mit
Bruno in der Seilbahn darüber, er hat es wohl auch überwunden,
er arbeitet bei der Gewerkschaft, und er klettert.
Ein kühler Wind zieht unter der Autobahn durch, die Sonne ist gesunken.
Wir packen Seil und Kletterschuhe ein, wandern zurück zur U-bahn, lassen
die «schräge» Welt hinter uns, wenden uns der verrückten
zu. Im Gehen tragen wir Colabüchsen in der Hand, trinken daraus, stellen
sie in der U-bahn einfach hin, sie ist am Abend ohnehin voller Müll.